Blatters Ballverlust
Joseph S. Blatter vor der Weltpresse am Zürichberg
Corinne Blatter Andenmatten unterstützt ihren Vater Joseph S. Blatter.
 

Am 21. Dezember 2015 verteidigte sich Joseph S. Blatter an der Pressekonferenz am Zürichberg vor mehr als 70 Journalisten aus aller Welt. Eine Annäherung.

Die Übertragungswagen parkieren in langer Reihe. Einige Fotografen warten in der Vorhalle und auf der Strasse auf Blatter. Niemand weiss, ob er sich bereits im Gebäude befindet. Ich bin ein Frischling im Journalistenberuf. Und aufgeregt. Ein Interview mit Joseph S. Blatter nach der Pressekonferenz wäre toll. Ein älterer Herr schüttelt in der Vorhalle Hände. Er nennt die Journalisten beim Namen. Im schwarzen Anzug, mit blauem Hemd und rotgesprenkelter Krawatte strahlt er Autorität aus. Er verschafft mir Zugang. Blatters Berater Klaus J. Stöhlker.

Die Journalisten sitzen im Konferenzraum wie im Vorlesungssaal einer Universität. Ganz oben hinter den Fernsehkameras finde ich einen Sitzplatz.

Blatter kommt. Ein weisses Pflaster verdeckt einen Teil der rechten Wange. Blitzlichtgewitter. Er beginnt zu reden. Langsam, auf Englisch.

Ich stehe auf und drängle an den Fernsehkameras vorbei. Die Journalisten sitzen unter mir Notebook an Notebook und schreiben live über den Ticker. Ob sie spicken und voneinander abschreiben?

Der Fussball spielt an diesem Tag eine untergeordnete Rolle. Gleichwohl bringt Joseph S. Blatter seine Mission während 17 Jahren als Präsident der Fifa auf den Punkt: «Fussball bringt in diese verstörte Welt Emotionen und Hoffnung.» Er wirkt traurig und enttäuscht.
 
Suspendiert für acht Jahre

Danach wiederholt er, was am Morgen bekannt wurde: Die Ethikkommission der Fifa habe ihn für acht Jahre suspendiert. Er spricht über die Auswirkungen: Tochter und Enkelin gemobbt.

Joseph S. Blatter war 40 Jahre bei der Fifa. Die Fifa ist wie eine Familie für ihn. Nun ist er 79. Wieso tritt er nicht leise, vertraut auf den Rechtsweg, statt sich der Öffentlichkeit zu stellen?

Je länger der Walliser redet, umso kämpferischer wird er. Er verkündet, er werde gegen den Entscheid der Fifa vorgehen.

Wie um Himmels willen komme ich hierher? Über Fussball weiss ich nicht viel. Al Imfeld, 81, Autor, Religionswissenschaftler und Afrikakenner aus Zürich, erzählte mir während eines Interviews von Blatter. «Blatter setzte die Fussball-WM in Südafrika gegen alle Widerstände innerhalb der Fifa durch. Er wollte Afrikas Menschen über den Fussball Selbststolz zurückgeben. Das ist ihm gelungen.» Blatter sei von einem missionarischen Denken inspiriert, das im katholischen Wallis Tradition habe. Joseph S. Blatter als Missionar? Woran ist er dann gescheitert? Ich wurde neugierig. Bemühte mich um ein Interview mit dem suspendierten Fifa-Präsidenten. Vergeblich.

Jetzt bin ich hier. Einer von vielen.

Der Mann da vorne scheint keiner von den aalglatten Typen zu sein, die sonst die Karriereleiter besetzen. Er macht einen bodenständigen Eindruck. Klein, rund, gemütlich. Jetzt ist er im Verteidigungsmodus. Es geht nicht um die Wiederwahl. Er kämpft um den guten Namen.

Blatter surft auf der Geräuschkulisse der klickenden und surrenden Fotoapparate.

Ich gehe nach vorne und setze mich frech auf den Boden vor den Pressetisch. Ich möchte mir den Kerl aus der Nähe ansehen. Der Security-Mann lässt mich gewähren. Hinter mir tuscheln zwei Journalisten, was mir einfalle, mich dorthin zu setzen. Mehr trauen sie sich nicht. Live vor der Weltöffentlichkeit.

Blatter klagt die versammelten Journalisten an: «Sie waren zur Stelle, um den Fifa-Präsidenten zu verdammen: Er ist korrupt.» Und weiter: «Ich bin nicht verantwortlich für Menschen, die von anderen gewählt wurden.»
 
Holt er sich den Ball zurück?

Die «Weltwoche» hält ihn für den Schweizer des Jahres. Wladimir Putin würdig für den Friedensnobelpreis. Der «Tages-Anzeiger» titelt «Steile Karriere mit beispiellosem Absturz». Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn. Joseph S. Blatter polarisiert weltweit.

Blatters Tochter sitzt links neben ihm. Ab und zu sieht er zu ihr hinüber. Sie gibt ihm Halt. Er spricht über sich: «Ich bin ein Mensch mit Prinzipien. Ich bin angeklagt, Platini Geld gegeben zu haben für die Stimmen bei den Präsidentschaftswahlen 2011. Nein.»

Blatters Stimme versagt. Er ist aufgewühlt. Er wirkt nicht wie ein professioneller Redner. Rechts neben ihm sitzt Thomas Renggli. Er zeigt auf die Journalisten, die eine Frage stellen dürfen. Joseph S. Blatter hat ihn vorgestellt: «Thomas Renggli hält zu mir, und unter Ihnen gibt es vielleicht noch einen, der mich unterstützt.» Ich fühle mich angesprochen. Ich möchte die Geschichte schreiben. Die Geschichte von Joseph S. Blatter und der Fifa.

Joseph S. Blatter beantwortet Fragen. Dann geht er. Meine Poleposition vor Blatters Tisch hat wenig gebracht. Ich hatte eine Frage an Blatter. Ich kam nicht zum Zug.

Vor dem Konferenzraum warten Journalisten. Wird er Einzelinterviews geben? Keiner traut sich jetzt zu gehen. Später stellt sich heraus: Joseph S. Blatter ist längst abgefahren. Sein Berater Klaus J. Stöhlker nutzt die Zeit und gibt ein Interview nach dem anderen. Ich höre, wie er zu einem Journalisten sagt: «Blatter ist Fussballspieler. Er hat den Ball verloren und holt ihn sich wieder.»

Auch ich spreche mit Klaus J. Stöhlker – über Vernetzung im Beruf: «Gut gemeint genügt nicht»
 
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Joseph S. Blatter mit seiner Tochter Corinne vor der Weltpresse am Zürichberg

Joseph S. Blatter stellte sich der Weltpresse.