Abbilder der Realität

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John
Abbilder der Realität
Jan Gassmann Filmregisseur aus Zürich
Jan Gassmann, Filmregisseur aus Zürich, vor dem Bistro RiffRaff

 

Der Schweizer Filmregisseur Jan Gassmann erhielt für seine Filme etliche Auszeichnungen. Seine Filme kreiert er nicht nur aus seinem Kopf. Er muss viel erleben, um es dann filmisch umzusetzen.

Frühling ist es und warm. Der Regisseur von «Heimatland» betritt in Jeans und T-Shirt die Kinobar im RiffRaff in Zürich. Mit dem Skateboard unterm Arm bestellt er einen Espresso. Im Herbst kommt «Europe, she loves» in die Kinos. Premiere war auf der 66. Berlinale.
Ein Interview mit ihm zu bekommen, ist schwer. Nach drei Monaten hat es geklappt.
Wir sind allein. Die getönte Scheibe im Rücken von Jan Gassmann spiegelt Fussgänger und ab und zu ein Fahrzeug.
«Im RiffRaff arbeitete ich früher. Hier sind alle unsere Filme gelaufen.» Er gehe gerne ins Kino. Aus Spass und Neugierde und über das berufliche Interesse hinaus. «Wann immer ich es mir leisten kann», fügt er hinzu.
Gassmann dreht sich eine. «Natural American Spirit.» Wozu er Filme drehe, frage ich und weiss längst, dass er eine soziale Ader hat. Sonst würde er in seinen Filmen nicht Autisten, Homosexuelle oder Krebskranke in den Mittelpunkt stellen.
Es sei einfach «der Wunsch, Geschichten zu erzählen». Inhalte so zu transportieren, dass Zuschauer sie aufnehmen könnten. «Wenn alles gut läuft, bin ich als Künstler mehr verloren, als wenns schlecht läuft.» Gerade der Misserfolg und Neues spornten ihn an. Seit 14 Jahren mache er längere Filme. «Ich habe den Anspruch, besser zu werden. Weiterzukommen. Mich selber herauszufordern, ist das Ziel. Projekte zu machen, die ich noch nicht versucht habe.»

 

«Zuschauer herausfordern und zum Denken anregen»

Filme mit Vorbildcharakter? Er lacht. Nein, das sei sicher nicht seine Aufgabe. Die Realität bilde er im Film ab. «In meinen Filmen gibt es Sexualität, Drogen und alles Mögliche, was uns das Leben so anbietet.» Gleich schränkt er ein: «Im Film geht es nicht um die perfekte Abbildung. Er bringt die Phantasie im besten Fall ins Rollen.» Ein anderer Aspekt ist ihm wichtig: «Unserer Welt fehlt es an Helden.» Und so kommen seine Filme ohne aus. «Eher mit Antihelden.»
Früher, ja früher wollte er mit seinen Filmen etwas erreichen, auch politisch. Heute sieht er das weiter: «Film muss keine Lösung oder Handlungsanweisung sein. Meine Filme sollen den Zuschauer herausfordern und zum Denken anregen.»
Nach und nach sind die Tische um uns herum alle besetzt. Liegt es an dem bekannten Filmregisseur oder an der freitäglichen Aprilsonne? 2008 erhielt er allein für «Chrigu» den Berner und den Zürcher Filmpreis und 2009 den Preis der Schweizer Filmkritik und den Prix Walo. Weitere Preise für weitere Filme folgten. «Chrigu» liege ihm nach all den Jahren immer noch sehr am Herzen.

 

Genügsam

Was verbindet den privaten Jan Gassmann mit dem beruflichen? Er lebe sehr intensiv. «Exzessiv im Leben und exzessiv in der Arbeit.» Liebe, Party, Drogen – das alles gehöre irgendwie zum Leben dazu. Das ganze Leben bestehe sicher nicht daraus. «Im Exzess fällt einem nichts zu.» Er inspiriere allenfalls.

Jan Gassmann vor dem Bistro und Kino RiffRaff, Zürich
Jan Gassmann liebt Zürich. Er vermisst hier nur das Meer.

 

Für Gassmann gibt es unterschiedliche Regisseure. «Die einen kreieren alles aus ihrem Kopf.» Er gehöre sicher zu denen, die vieles erleben müssen und es dann filmisch umsetzen.

Wo wir beim Vergleich mit anderen sind: Es gebe Leute, die seien schon aufgrund der Herkunft privilegiert. «Ich habe die Welt eher von der Mitte und von unten gesehen. So hat alles bei mir eher mit Wille und Arbeit zu tun und weniger mit Connections oder so.»

Er habe sich das Leben bereits sehr früh selber finanzieren können. «Als Cutter oder über Nebenjobs.» Er sieht zu den getönten Scheiben des Bistros hinüber, zu dem ein Kino gehört.

«Ich fühle mich sehr frei in dem, was ich mache. Mein Leben ist recht skalierbar. Ich kann mal mehr Geld haben und mal weniger. Ich habe nicht besonders viele Wünsche.» Er brauche wenig zum Leben. «Ich kaufe ab und zu mal eine Schallplatte. Thatʼs it.»

 

Unabhängig

Hager ist er, fast dünn. Wichtig sei, was man zu sich nehme. «En guete Zmorge und dann einmal eine Mahlzeit am Tag» reiche ihm. Als Student lag ihm Pasta, jetzt seien es eher Kartoffeln in jeglicher Zubereitung, mal Fisch und Salat.

Ist in seinem Leben Platz für Kinder und damit Familie? Ja, bestimmt. Wie sich das halt ergebe.
«Ich habe keinen Lebensplan, der mir sagt: Jetzt bist du 32. Jetzt musst du dich so verhalten.» Es gebe für ihn nicht ein Ziel oder eine Zufriedenheit. Das «Wichtigste auf der Welt» existiere für ihn nicht.
«Das Zwischenmenschliche zählt sehr viel für mich.» Ungekämmt und mit Dreitagebart sitzt er mir vor dem Bistro gegenüber. Ist sein Äusseres der Filter, mit dem er sich Menschen auf Abstand hält, die Kontakte nach dem Aussehen knüpfen?
Er legt beide Hände auf der Tischkante ab. Richtig sei, intensiv zu leben. Den Moment mitzunehmen. «Das Licht macht den Schatten und umgekehrt.» Wenn etwas wichtig sei, dann verschiedene Momente. Und davon wieder die problematischen. Da ist sie wieder. Seine Art, sich zu motivieren. Über alles, was nicht rund ist und nicht rund läuft.
Er reist gerne. Der 32-Jährige war in den USA. In Thailand, dem Senegal und Mexiko und auch ein Jahr in Ecuador, teilweise mit Stipendium. «Mit dem Auftrag, für einen Film zu reisen, ist nochmals sehr viel interessanter, als nur zu relaxen. Du hast sofort Kontakt zu den Leuten.» In Indien hat er auch gedreht. Und er sei gerne immer wieder in Zürich. «Es gibt hier ein breites Angebot. Und viel Kontrast. Das mag ich sehr gerne an dieser Stadt.»
In Geld sieht er vor allem ein Mittel. «Geld ist okay. Ich beklage mich nicht. Ich kann von den Filmen leben. Das Einzige, was ich in Zürich vermisse, ist das Meer. Sollte ich einmal viel, viel Geld haben, werde ich mir irgendwo in einem Dörfchen eine kleine Wohnung mieten.»
Unabhängig zu sein, sei ein extremes Privileg im Vergleich zu anderen. «Es ist aber nicht geschenkt. Filme machen ist nicht wie eine Karriere, in der alles immer grösser wird. Oft gibt es einen Bruch.» Vier Jahre an einem Projekt zu arbeiten, und dann komme es nicht zustande – das sei möglich.
Was macht er dagegen? Zurzeit arbeite er an zwei bis drei Projekten gleichzeitig. Komme eines nicht zustande, so greife er auf ein anderes zurück. Und werden alle realisiert? Er lacht. «Ich habe dann auf einmal sehr, sehr viel zu tun.»

 

«Europe, she loves» im Herbst in den Kinos

Tastet er sich nach mehreren Filmen mit sozialem Hintergrund an einen Kassenknüller heran? «Europe, she loves» spielt in verschiedenen europäischen Ländern. Und es dreht sich um Beziehungen.
Jan Gassmann bleibt bescheiden und skeptisch. Der Film ist eher melancholisch. «Es gibt keine Formel.» Viele machten den Film, der die Massen bediene. Und scheitern. Auch die Amerikaner hätten die todsichere Formel nicht. Viele Schweizer Filme schafften es nicht, das Geld einzuspielen, das sie gekostet hätten.
Fazit? «Ich erzähle im Film erst einmal das, was mich interessiert.» Erfolg dürfe nicht die primäre Motivation sein. «Steckt die falsche Motivation hinter einem Ziel, kommt der Erfolg nicht.»
Sein filmisches Erbe kümmere ihn wenig. Sicher sei es ein Nebeneffekt, dass seine Filme Momentaufnahmen ihrer Zeit seien. «Und im besten Fall langsam altern.» Er wiederholt: «Viel wichtiger ist mir, was ich im zwischenmenschlichen Bereich, in der Familie, den Beziehungen und mit Freunden hinterlassen kann.»
Die Ideen für seine Filme kommen ihm spontan. «Europe, she loves» fiel ihm unter der Dusche ein. «Ein Film mit viel Risiko.» Sie fuhren im Team 20 000 Kilometer durch Europa. Niemand wusste, ob der VW-Bus das durchhalte. Ob sie genügend Pärchen für die Dokumentation finden würden. Ja, den Führerschein habe er. Und der VW-Bus sei der Firmenwagen für alle. Mit Julia Tal und Lisa Blatter hat er 2012 die Produktionsfirma 2:1 Film gegründet.
Spricht, nimmt sein Skateboard und surft die Strasse hinunter.

 

Dieser Artikel wurde am 15.06.2016 auf http://derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Der Name ist Programm

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John

Der Name ist Programm

Thomas Stark, Elektorinstallateur
Routine für Elektroinstallateure: Thomas Stark montiert eine Deckenleuchte.
 

Thomas Stark aus Zwingen (BL) wagt als Elektroinstallateur den Schritt in die Selbständigkeit. Mit seiner Erfahrung und seinem Netzwerk meistert er etliche Hürden.

Mit raschen Bewegungen schliesst Thomas Stark eine Netzwerksteckdose in seinem Büro an. Hier verbindet er einen Computer mit dem Internet. Der Elektroinstallateur aus Zwingen (BL) arbeitet seit Dezember 2015 selbständig mit seiner Stark Strom GmbH. «Es ist ein Risiko», sagt er. Das Vertrauen in die Kunden und seine Fähigkeiten machten diesen Schritt indes kalkulierbar. Arbeit sei genug da.

Stark prüft, ob der Strom abgestellt ist. Sicherheit geht immer vor. Dann nimmt er sich eine Leiter und montiert eine Deckenleuchte. Während andere noch über den Frankenschock jammern, stellt er Anfang April den ersten Mitarbeiter ein. Der Weg bis dahin ist lang. Der vierjährigen Ausbildung zum Elektromonteur folgen sechs Jahre Praxis. Die Prüfung zum Elektrokontrolleur und Chefmonteur besteht er 1997. Damit ist er berechtigt, auszubilden. Seit er die höhere Fachprüfung zum eidgenössisch diplomierten Elektroinstallateur 2007 abgelegt hat, überlegt er, sich selbständig zu machen.

2015 ist es so weit. Die Kinder sind in einem Alter, in dem sie den zweiten Elternteil weniger brauchen. Thomas Stark ist seit 1999 verheiratet. Mit seiner Frau Carmen hat er drei Kinder zwischen 14 und 20 Jahren. Die Familie kommt für ihn an erster Stelle. Das geht ihm so wie vielen anderen. «Dafür arbeiten wir schliesslich.» Sein ältester Sohn absolviere eine Lehre als Automatiker in den Pilatuswerken in Stans (NW). «Und Urban beginnt eine Lehre als Elektroinstallateur in Breitenbach.»
 
Ohne Elektroinstallateure geht nichts

Beim Elektroinstallateur denken die meisten an eine Person, die mit Hammer und Meissel Schlitze ins Mauerwerk von Rohbauten klopft. Um damit Raum für Elektrokabel und Steckdosen zu schaffen. Dabei sei das eine Tätigkeit von vielen. Thomas Stark lächelt. Eine Person, die mit Schraubenzieher und Plan eine Leitung anschliesse, um eine Verbindung zu schaffen, passe besser in die Realität.

Der 46-Jährige ist überzeugt, dass seine Branche krisensicher ist. «Wir machen uns unentbehrlich. Wir sind bereits da, wenn das Fundament gelegt wird, und erden es. Praktisch bis zum Bezug des Hauses sind Elektroinstallateure anzutreffen.» Sie schlitzen Wände auf und bereiten sie für Kabelrohre vor. Sie verlegen Schalterkästchen unter Putz und ziehen Drähte und Kabel in die Rohre ein. Die Haustechnikanlagen – Heizung, Boiler, Lüftung – werden angeschlossen. Elektroinstallateure montieren Schalter und Steckdosen. Am Schluss sind alle Beleuchtungen «ready for use».

Thomas Stark steigt aufs Flachdach der Gewerbeliegenschaft, in der sein Büro liegt. Die ganze Fläche wird für die Photovoltaikanlage genutzt. Sie produziert in Zwingen genügend Strom für 30 Einfamilienhäuser. Geduldig prüft er die Anschlüsse.

Thomas Stark prüft eine Photovoltaikanlage in Zwingen (BL). Sie liefert Strom für 30 Einfamilienhäuser.
Thomas Stark prüft eine Photovoltaikanlage in Zwingen (BL). Sie liefert Strom für 30 Einfamilienhäuser.
 
Neben der Arbeit und der Familie bleibt wenig Zeit. So liegt nahe, dass sein Steckenpferd Teil seiner Arbeit ist. Erneuerbare Energien wie Photovoltaik faszinieren ihn. Die Nachfrage nach diesen Anlagen steigt. Mit Zustimmung des jeweiligen Energiebetreibers wird überschüssiger Strom in das Netz eingespeist. «Ich bin überzeugt, dass in nächster Zeit die Energie aus Photovoltaikanlagen kurzfristig speicherbar wird. Will die Schweiz ohne Kernkraftwerke auskommen, braucht sie neben den Wasserkraftwerken und den Pumpspeichern mehr von solchen Kurzzeit-Speicheranlagen.»

Im Büro arbeitet Stark am PC mittels CAD-Programm die Pläne für die Elektroinstallationen eines Mehrfamilienhauses aus. Wo er früher von Hand mühsam gezeichnet hat, entstehen wie von Zauberhand Steckdosenanschlüsse und Verteilerkästen.

Starks Werdegang mag anderen Mut machen, es gleichzutun. «Anfangs war ich einige Jahre als Monteur auf Baustellen unterwegs.» Bereits früh konnte er bei der Planung von Bauten als Sachbearbeiter und als CAD-Zeichner mitwirken. Über den Projektleiter, Chefkontrolleur und Filialleiter stieg er dann zum Geschäftsführer eines KMU auf.

Der Fachkräftemangel sei ein Problem. Ohne Arbeiter aus dem Ausland gehe es in der Schweiz zurzeit nicht, sagt Stark. Auch ein Vorrang der Inländer mache wenig Sinn. «Die Fähigkeiten müssen den Ausschlag geben.» Und so ist für ihn Weiterbildung der wichtigste Schritt, um auf dem Arbeitsmarkt mithalten zu können.
 
Mehr Lehrstellen als Interessierte

Ihn persönlich packte der Beruf, als er in einer Schnupperlehre mit einer Spitzmaschine und einer Schlitzmaschine Installationen in Backsteinwänden unter Putz verlegen durfte. «Dies hat enorm viel Kraft gebraucht und hat mir sehr viel Spass bereitet. Daraufhin habe ich mich für diesen Beruf entschieden. Prompt kam die Zusage für diese Lehrstelle.»

Schade findet er, dass es derzeit mehr Lehrstellen als Interessierte gebe. «Dabei sind die Aufstiegschancen sehr gut.» Als Projektleiter und eidgenössisch diplomierter Elektroinstallateur ist der Schritt vom Arbeiter zum Teamleiter gemacht. Über weitere Ausbildungen erfolgen Spezialisierungen für die IT-Branche, Energieberatung und Photovoltaik. Haustechnik-, Brandmelde- und Alarmanlagen sind mögliche Betätigungsfelder.

«Das ist für jeden etwas», ist sich Stark sicher. Wer gerne bei Wind und Wetter draussen sei und technisches Verständnis mitbringe, habe es in diesem Beruf leichter. Vieles sei einfacher geworden im Vergleich zu früher. Das Internet ermögliche, sich von unterwegs technische Anleitungen anzusehen.

Und meisselte der Elektroinstallateur noch vor einigen Jahren von Hand die Schlitze für die Elektrorohre, gebe es heute Maschinen und spezielles Werkzeug, die die schwere Arbeit abnähmen. Wie in vielen anderen Handwerksberufen verlagert sich der Schwerpunkt von der körperlichen zur Kopfarbeit. «Ein anspruchsvoller Job», fasst Thomas Stark zusammen.

Per CAD-Programm plant Thomas Stark die Elektroinstallationen eines Mehrfamilienhauses.
Per CAD-Programm plant Thomas Stark die Elektroinstallationen eines Mehrfamilienhauses.
 
Der Schritt in die Selbständigkeit war letztes Jahr nicht mehr ganz so gross. «Ich habe mich als Angestellter immer für die Firma eingesetzt, als wäre sie meine eigene. Mit der Selbständigkeit zahlt sich dieses Engagement nun für mich aus.»

Die Fragen, die zusammen mit der Existenzgründung auftauchten, bewältigte er dank der Mithilfe des Business Parc in Reinach. Das Coaching-Team unterstützt Start-ups vor, während und nach der Gründung. «Dafür bin ich sehr dankbar. Ohne die Hilfen des Kantons und des RAVs wären viele Existenzgründungen undenkbar.» Am wichtigsten für die Kalkulation des Risikos und des möglichen Wachstums ist der Finanzplan. Darunter falle auch der Liquiditätsplan, die voraus kalkulierte Einnahmen- und Ausgabenrechnung.

Einige Fragen bleiben für Thomas Stark existenziell: Darf ich diese Maschinen kaufen? Darf ich jemanden einstellen? Eine Fehlentscheidung kann ihn in den Konkurs führen.

Allerdings ist die Existenzgründung nicht für jeden geeignet. «Es braucht sowohl fachliche wie auch kommunikative Fähigkeiten. Dazu kommt ein Netzwerk.» Daher sei die Rechnung, dass mehr Selbständige die Arbeitslosigkeit in der Schweiz verringern könnten, grundsätzlich richtig, aber zu einfach formuliert.
 
Etwas finden, das Spass macht

Erleichtern könnten Bund und Kantone den Schritt in die Selbständigkeit sehr, indem sie mutige Handwerker entlasteten. «Neuunternehmungen müssten im ersten Jahr teilweise von den Sozialleistungen entbunden werden.» Schon die kurze Zeit als Selbständiger hat Stark gezeigt, welche Hürden er überwinden muss. Zahlungen an BVG und AHV sind Vorauszahlungen. Könnte er diese Zahlungen erst zusammen mit der Lohnzahlung begleichen, wäre das eine grosse Erleichterung. «Hier ist eine Änderung notwendig.»

Was rät Thomas Stark jenen, die sich beim Berufswunsch schwertun? «Du musst etwas finden, das dir Spass macht.» Um das herauszufinden, seien Praktika da. Sei der Spass da, komme das Interesse, mehr wissen zu wollen, automatisch.

«Richtig erfolgreich werden nur die, die von ihrer Arbeit begeistert sind und das auch zeigen», ist er überzeugt. Sobald ein Jugendlicher realisiert: Alles, was ich mir leiste, finanziert mein Job, denkt er um. Schliesslich sei Arbeit Erfüllung und bringe Freude und Selbstbestätigung. «Das Gefühl, etwas zu leisten, ist toll.»

Vorbereitung für den nächsten Arbeitstag: Jeden Abend belädt Thomas Stark seinen Lieferwagen.
Vorbereitung für den nächsten Arbeitstag: Jeden Abend belädt Thomas Stark seinen Lieferwagen.
 
Dieser Artikel wurde von mir auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Flucht in die Kunst

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John

Flucht in die Kunst

Bilder, die erzählen: Künstler Abdelbagi Shahto.
Bilder, die erzählen: Künstler Abdelbagi Shahto.
 

Aus Baumrinde, Erde und Leinwand schöpft Abdelbagi Shahto, 56, seine Kunstwerke. Die «Galerie le sud» in Zürich stellt sie aus. Der Künstler, Anwalt und Menschenrechtsaktivist aus Rafz (ZH) träumt vom eigenen Atelier.

Weiss getünchte Wände lenken den Blick auf erdfarbene Bilder. Die Decke ist hoch. Der Galerist offeriert einen Kaffee. Der Künstler ist auf Parkplatzsuche. Leise Musik begleitet die Schritte über das Parkett von Kunstwerk zu Kunstwerk. Millimeterkleine Klebepünktchen rechts unter den Leinwänden weisen über Zahlen zu Titel- und Preisliste. Die Katze, das Auge, das Krokodil, der Elefant und das Kamel in Schwarzweiss und Brauntönen beleben die Bilder. Die Schildkröte, der Mensch mit Adlerkopf, Krieger und Speere sind weitere Motive. Dazwischen fremdartige Schriftzeichen.

Abdelbagi Shahto kommt. Der stattliche Mann lacht über das ganze Gesicht. Gleich stellt er sich als Ali vor und bietet das Du an. Er erzählt von sich. Als Künstler und Anwalt war seine Situation im Sudan privilegiert. Ali Shahto wollte in Afrika leben. Doch es gab kein Bleiben. Er verteidigte Menschen aus den Slums von Khartum vor der Obrigkeit. Ein Freund warnte ihn. Sein Leben sei in Gefahr. «Bist du von der CIA oder vom Mossad?» Die Fragen der Polizei machten Angst. Er flüchtet, zunächst allein. Die Frau, die er an der Uni kennen gelernt hatte, lässt er jetzt zurück.

«Eigentlich wollte ich nach Kanada.» Die Schweiz soll Zwischenstation sein. Die Schweizer Botschaft hilft ihm mit einem Visum. Doch weil die Schweiz ein sicheres Land ist, muss er einen Asylantrag stellen. Shahto bleibt. Er kennt das Land und die Sprache nicht. Das ist vor 20 Jahren. Inzwischen ist er eingebürgert. Seine Frau und seine Kinder leben hier. Die Heimat ist fern, und doch lässt Shahto die Verbindung nicht abreissen.

Nur zwei der Bilder in der Galerie sind bunt. Wie er die Farben herstellt? Aus verschiedenen Erden und mit Baumrinde vermischt. Baumrinde aus Afrika? Nein. Die einheimischen Baumsorten eignen sich genauso. Er bleibt vage. Das Erfolgsgeheimnis des Künstlers. Verständlich. Das Rezept einer Schweizer Käsesorte wird auch gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Die Türglocke geht. Ein Besucher. Shahto entschuldigt sich und erklärt Bildmotive.

Seine Kunstwerke wie hier «Die Türe der Hoffnung» sind voller Symbole und Tiermotive.
Seine Kunstwerke wie hier «Die Türe der Hoffnung» sind voller Symbole und Tiermotive.
 

Ali Shahto ist Künstler und Menschenrechtsaktivist. Mit dem Geld aus dem Verkauf seiner Bilder unterstützt er zwei Schulen im Südsudan. Er schickt das Geld nicht. Er kauft davon persönlich Stühle, Bücher und Kleidung. Wenn er wieder einmal im Sudan ist. «Korruption ist ein grosses Problem in meinem Heimatland.» Er weigert sich, Geldspenden zu nehmen. «Aus dem Verkauf meiner Bilder verwende ich 50 Prozent, um die zwei Schulen zu unterstützen. Mit dem Rest decke ich meine Unkosten.» Zu den Schulen gehört eine Farm. Einige der Familien der Schulkinder arbeiten dort und verdienen ihren Lebensunterhalt. Shahto hält nichts von Geld, das den Menschen zur Verfügung gestellt wird. Bargeld fördere Korruption. «Du darfst den Menschen keine Fische geben. Lerne sie zu fischen. Du darfst den Menschen keine Kartoffeln geben. Gib ihnen Werkzeug, um den Boden zu bearbeiten.» Shahto sucht nach Münzen. Er entschuldigt sich. Zurück in der Galerie stellt sich heraus: Er musste die Parkuhr füttern.

Im Nordsudan herrscht eine Militärdiktatur, und das Recht basiert auf der Scharia. Erst seit 2011 ist der ärmere Südsudan abgespalten und unabhängig. Shahto arbeitet für die Opposition im Nordsudan. Er unterstützt sie auf Arabisch über Youtube und Facebook. Arabisch ist die Sprache, um die einfachen Menschen im Sudan zu erreichen.

Ali Shahto schreibt Berichte für Amnesty International oder Human Rights Watch über Menschenrechtsverletzungen im Nordsudan. Ein Zeichen dafür: Es gibt viele Flüchtlinge. Die Losung: «Entweder du stirbst im Meer oder du schaffst es nach Europa» geht im Sudan um. Der Tod ist keine Abschreckung für die Flüchtlinge. «Die Flüchtlingsströme müssen nicht sein. Niemand verlässt sein Heimatland gerne.» Aus wirtschaftlichen Gründen würden die Länder der Weltgemeinschaft immer noch Unrechtsregime akzeptieren. Der Sudan sei reich an Bodenschätzen wie Erdöl. In wenigen Händen konzentriere sich ein Grossteil des Besitzes. «Nur Demokratie kann uns helfen.» Greife die internationale Gemeinschaft nicht ein und unterstütze die Opposition auf dem Weg zur Demokratie, werde die Boko Haram, eine islamistische terroristische Gruppierung vergleichbar mit der Oranisation Islamischer Staat, in zehn Jahren im Sudan vorherrschend sein.

Gibt es eine Lösung? Wie in Südafrika? Shahto zuckt mit der Achsel. Das war ein Glücksfall. Nein. Langfristig wird die Ausbildung der Kinder, Ausbildung generell, die Situation ändern. Sind die Menschen gebildet, sind ihre Perspektiven besser. «Sie kennen ihre Rechte, und sie fordern sie ein.»

Ausbildung ist wichtig. Das weiss Ali Shahto aus eigenem Erleben. Er wächst mit drei Brüdern und fünf Schwestern auf. Der Vater stirbt früh. Ali Shahto will lernen. Seine Geschwister arbeiten. Er setzt sich durch. Als Einziger seiner Familie studiert er. In den Ferien schuftet er auf Baustellen, um sich die Ausbildung zu ermöglichen. Er studiert Kunst und Jura.

Auf seine Kinder ist Shahto stolz. Der jüngste Sohn wird Schreiner. Die Arbeit mit Holz liegt ihm. Aus ihm könnte ein Künstler werden. Shahtos Tochter und sein anderer Sohn studieren an einer Schweizer Universität.

Ali Shahto macht einen zufriedenen Eindruck. Er hat ein Ziel. Seine Bilder malt er zuhause in Rafz auf dem Balkon. Zumeist im Sommer. Die Sonne sorgt dafür, dass die verschiedenen Malschichten gut durchtrocknen. Das ist wichtig. Für die Haltbarkeit. Shahto träumt von einem eigenen Atelier. Ist er als Künstler in seiner Heimat anerkannt? Teilweise. Der Regierung ist er ein Dorn im Auge. Sie verurteilt ihn, weil er christliche und afrikanische Symbole wie das Kreuz und den sechszackigen Stern in seinen Bildern verwendet. Anerkannt und geduldet sind Symbole und Schriftzeichen aus der islamischen und arabischen Kultur.

Galerist Ted Gueller ist begeistert von Shahtos Kunst. Der Erstkontakt fand übers Internet statt. Die «Galerie le sud» stellt Künstler aus, die sich zwischen «Tribal Art» und zeitgenössischer Kunst bewegen.

Ali Shahto muss los. Die Parkuhr läuft ab. Anderes Land, andere Herausforderungen.

Abdelbagi Shahto mit Galerist Ted Gueller im Ausstellungsraum.
Abdelbagi Shahto mit Galerist Ted Gueller im Ausstellungsraum.
 

Diesen Artikel habe ich auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Arbeit ist auch Leben

TEXT: Hans-Jürgen John
FOTOS: Nana do Carmo

Arbeit ist auch Leben

Regula Zellweger unterstützt Stellensuchende als Buchautorin und Berufsberaterin.
Regula Zellweger unterstützt Stellensuchende als Buchautorin und Berufsberaterin.
 

Regula Zellweger, 63, lebt ihre Mission: Sie ist glücklich, wenn sie Inhalte so vermitteln kann, dass es andere und sie selbst vorwärtsbringt. Die Laufbahnberaterin aus Obfelden (ZH) geht Hürden lösungsorientiert an.
 

Frau Zellweger, Sie haben eine bunte Laufbahn und einen interessanten Jobmix: Primarlehrerin, Bibliothekarin, Psychologin, Berufs- und Laufbahnberaterin, Buchautorin, Chefredaktorin, Journalistin, Seminarleiterin, und Sie sind auch Mutter dreier Kinder. Sind Sie eine Titeljägerin?
Nein, ich bin Überlebenskünstlerin. (Lacht.) Ich bin vielseitig interessiert und lebe das auch.
 

Welche Tätigkeiten üben Sie aktiv aus?
Als Chefredaktorin, Kursleiterin und selbständige Laufbahnberaterin bin ich im Moment aktiv. Ich arbeite an einer Broschüre zum Thema Weiterbildung und an einem Berufsinformationsmittel zu Textilberufen. Ich berate gerne. Die Arbeit als Chefredaktorin des Monatsmagazins «active live» macht riesig Spass. Ich bin als Lokaljournalistin unterwegs, leite Kurse, schreibe gerne Blogs und Bücher und vernetze mich fleissig.
 

Sind mehrere Berufe nötig, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können?
Das kommt darauf an. Man darf sich nicht verzetteln. Ich habe eine klare Linie und lebe meine berufliche Mission in vielen Facetten. Sie heisst: «Ich bin glücklich, wenn ich Inhalte so vermittle, dass es andere und mich vorwärtsbringt.» Alle meine bisherigen beruflichen Tätigkeiten entsprechen meinem roten Faden durchs Berufsleben. Ich empfehle jedem, seine eigene berufliche Mission in einem Satz zu formulieren: «Was ist mein Ding?»
 

Wie gehen Sie vor, wenn Sie etwas erreichen möchten?
Ich entscheide mich dafür und erlaube mir, es auszuprobieren. Zielanpassungen sind immer mal wieder nötig. Statt hundertmal mit dem Kopf durch die Wand suche ich neue, kreative Lösungen. Wir spielen das Leben vierhändig, mein Schicksal und ich. Wenn ich ein Ziel zu erreichen versuche, kommen mir manchmal die anderen zwei Hände in die Quere. Ich muss mir keinen Kopf machen, wenn etwas nicht klappt. Ich bin nicht allmächtig, sondern Teil verschiedenster Systeme.
 

Wo setzen Sie Ihre Strategie an?
Ich packe Gelegenheiten und handle. Frechmutig. Im Griechischen gibt es die Begriffe Kairos und Chronos für Zeit. Chronos ist die messbare Zeit, Kairos der richtige Moment. Kairos ist in der griechischen Mythologie als Jüngling mit Flügeln und einer langen Locke vor dem Gesicht dargestellt. Man sagt, dass Menschen, die erfolgreich sind, immer wieder Kairos, die gute Gelegenheit, beim Schopf packen.
 

Das tönt alles sehr selbstbestimmt. Da sind aber auch äussere Einflüsse, die einen Strich durch die Rechnung machen können.
Es ist nicht alles machbar. Beispielsweise wenn jemand aus finanziellen Gründen keinen Zugang zu einer gewünschten Weiterbildung hat, nützt alle Zielsetzung wenig. Denken Sie an alleinerziehende Mütter. Ein Hochschulstudium finanzieren liegt da oft nicht drin. Bildungsgutscheine, die am Anfang des Lebens ausgegeben werden, würden vielleicht zur Chancengleichheit beitragen.
 

Wenn Sie sich für einen Job bewerben, kommen Sie sofort ins Vorstellungsgespräch?
Irgendwie finden mich meine Jobs. Klar, die Bewerbungsunterlagen müssen perfekt sein. Aber Kontakte, die bei mir zu Mandaten oder Teilzeitjobs führten, kamen durch Vernetzen zustande. Über 50-Jährige haben selten mit einer Reaktion auf ein Stelleninserat Erfolg. Sie müssen die Hintertür über das persönliche Netzwerk finden. Und sich in der Branche einen guten Namen machen.
 

Was raten Sie Menschen, bei denen es mit der Jobsuche nicht klappt?
Sie sollen ihre beruflichen Ziele genau definieren und ihre Arbeitsmarktfähigkeit und den Arbeitsmarkt überprüfen; sich gut über einen potenziellen Arbeitgeber informieren und das Vorstellungsgespräch üben, damit sie sich sympathisch und kompetent verkaufen können. Und Kontakte zu Menschen knüpfen, um sie für die eigene Positionierung ins Boot zu holen. Es gilt aber auch, realistisch zu bleiben. Und allenfalls kreativ eine Nische zu finden.

Regula Zellweger ist multiprofessionell
«Ich versuche, positiv durchs Leben zu gehen.»

 

Das tönt gar nicht so schwierig. Trotzdem ist bei vielen, die keine Stelle haben, irgendwann die Luft draussen.
Das ist sehr verständlich! Aber schaffen Sie sich möglichst viele Landeplätze fürs Glück, für Kairos, das ist mein Rat. Sie können das Glück nicht zwingen oder produzieren. Aber Sie können ihm Chancen geben, indem Sie sich stetig weiterbilden, sich vernetzen und lustvoll an die Sache herangehen. Wer Freude an der Arbeit hat und sich mit Begeisterung engagiert, lässt das andere mit einer positiven Ausstrahlung spüren. Bekanntlich läuft der grössere Teil der Kommunikation über die Körpersprache. Ganz wichtig: nie jammern. Lieber: «Wow, das schaffe ich. Ich kann das und das bieten und bin riesig gespannt, wie ich meine Fähigkeiten einbringen kann.» Akquirieren – oder eine Stelle suchen – ist wie säen: Man wirft viele Samen auf guten Boden aus – und weiss, dass nur ein Teil wirklich wurzeln und wachsen wird. Leider ist im Voraus nicht klar, welcher Teil das ist.
 

Wie würden Sie vorgehen, wenn ich zu Ihnen in die Berufsberatung käme?
Wir würden mit Ihrem Lebenslauf beginnen und schauen, was Sie beruflich bieten und welche Fähigkeiten Sie haben. Sie machen Tests und verschaffen sich mit Fragebogen und im Gespräch mit mir Klarheit über sich selbst: Was sind Ihre Werte und Ihre Wünsche? Wie schätzen Sie Ihre Kompetenzen ein? Wichtig dabei ist es, realistisch zu bleiben und letztlich ein konkretes Ziel zu formulieren. Es gilt, sich zudem Lösungen B und C auszuarbeiten.
 

Ist Weiterbildung der goldene Schlüssel, der jede Tür zum Traumjob öffnet?
Allzu spezialisiert zu sein, kann auch ein Problem sein und ins berufliche Abseits führen. Weiterbildung liegt in der eigenen Verantwortung. Wenn in einem Lebenslauf ein Abschluss nachgewiesen wird, zeigt das: «Ich will lernen und mich weiterentwickeln.» Allenfalls ist es von Vorteil, auch Projekte zu dokumentieren. Ein Unternehmer will vielleicht lieber einen Bauingenieur, der in China ein Staudammprojekt geleitet hat, als einen Bauingenieur, der unzählige Weiterbildungen besuchte.
 

Apropos goldener Schlüssel: Haben Sie Tipps zur Motivation, die alle anwenden können?
Tipps genügen nicht. Oft fehlen meinen Klienten das Selbstvertrauen, das Selbstwertgefühl, der Mut; oder die fehlende Motivation hat mit der Grundeinstellung zu tun. Da helfe ich wenig, wenn ich aussen, am Verhalten, feile. Die Ursachen liegen tiefer. Kann mein Klient auf der Ebene der Einstellung oder des Selbstverständnisses etwas verändern, ändert sich viel. Ein Klient antwortete beispielsweise auf die Frage, was für ihn Arbeit sei: «Notwendiges Übel.» Mit der Begründung, er demotiviere andere, wurde er entlassen. Kein Wunder! Die Arbeit kann das Leben farbig machen. Arbeit ist ein prägender Teil unserer Identität. Wenn mich in der Schweiz jemand fragt: «Was bist du?», sage ich nicht «glücklich», sondern «Psychologin» oder «Lehrerin».
 

Was möchten Sie privat und beruflich erleben?
Mein Mass für Erfolg ist ausschliesslich individuelle Zufriedenheit. Und dass ich mich weiterentwickle. Neugierig zu bleiben, ist sehr essenziell. Ich weiss, ich werde noch ganz vielen interessanten Menschen begegnen. Das Wichtigste in meinem Leben ist und bleibt meine Familie.
 

Mit welcher Aussage werden Sie oft von Ratsuchenden konfrontiert?
Viel Respekt habe ich vor Menschen, die sagen: «Sie haben gut reden. Sie haben alles erreicht. Aber mir fällt es nicht so leicht.» Häufig gibt es einen guten Grund, dass Menschen so empfinden; es gibt keine Chancengleichheit. Ich antworte dann: «Ich versuche, positiv durchs Leben zu gehen.» Auch in einer schwierigen Situation bleibe ich dran. (Zeigt auf ein Poster an der Wand.) «Hinfallen, aufstehen, Krönchen zurechtrücken und weitergehen.»
 

Weitere Infos und Arbeitsmittel zum herunterladen: www.rz-laufbahn.ch
 
Arbeitsbücher:

• Mit einer neuen Stelle zum Erfolg: Link zur Buchbesprechung
Beruflich nochmals durchstarten

Tipps für Bodenhaftung: «Sich vernetzen, sich stetig weiterbilden und Landeplätze fürs Glück schaffen.»

Tipps für Bodenhaftung: «Sich vernetzen, sich stetig weiterbilden und Landeplätze fürs Glück schaffen.»
 

Diesen Artikel habe ich auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Umsonst vernetzen

TEXT: Hans-Jürgen John
FOTO: Brandon Kühnel

Umsonst vernetzen

Mit Linkedin umsonst weltweit vernetzen
Account anlegen, Profil ausfüllen und los geht es – zahlenmässig ohne Deckel nach oben.
 

Über 10 000 berufliche Kontakte. Weltweit. Ohne Limit nach oben. Hätten Sie die gerne? Linkedin macht es möglich. Umsonst.

Linkedin und Xing sind im Bereich berufliche Netzwerke im deutschsprachigen Raum erste Wahl. Linkedin weist 7 Millionen Mitglieder gegenüber 9 Millionen von Xing in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Lege ich Wert auf eine internationale Ausrichtung meiner Businesskontakte, ist Linkedin top. Das Netzwerk zählt 400 Millionen Mitglieder weltweit und unterstützt inzwischen deutschsprachige Artikel. Xing liegt bei 15 Millionen.

Screenshot Linkedin Account Hans-Jürgen John

Weltoffen? Unter «Konto & Einstellungen» wählen Sie Deutsch, Englisch und 22 weitere Sprachen.
 

Wozu brauche ich 10 000 berufliche Kontakte?, werden Sie sich fragen. Marc Walder, CEO bei Ringier, hat deren 126. Eine kurze Suche ergibt: Viele Geschäftsleute aus dem mittleren und oberen Management legen wenig Wert auf viele berufliche Kontakte in Linkedin. Schliessen sich Qualität und Quantität aus? Oder komme ich zu interessanten Kontakten erst, wenn ich jeden in mein Netzwerk lasse?
 

Der Anfang

So frage ich mich, was mir Linkedin bringen wird. Was möchte ich erreichen? Wie nähern sich andere einem beruflichen Netzwerk?

Informieren, Ziel definieren und handeln. Ich schlafe erst einmal darüber. Und merke: Das bin nicht ich. Ich gehe anders vor.

Ich bin seit Mitte 2012 bei Linkedin, hatte die Plattform bisher aber wenig genutzt. Aus einem Bauchgefühl heraus klickte ich vor sieben Monaten ziellos herum. Die Plattform listet unter der Rubrik «Personen, die Sie vielleicht kennen» Kontakte meiner Kontakte auf. Ich kenne niemanden in der Liste. Ich beschliesse, diese Menschen kennenzulernen. Schliesslich bin ich weltoffen. Und klicke auf «vernetzen». Den Studenten aus Afrika nehme ich ebenso in mein Netzwerk auf wie die Buchautorin aus den USA oder die chinesische Flugbegleiterin aus München.

Linkedin Profil Screenshot
Als «Newcomer» beginnen. Als «Superstar» ankommen. Die vier Stufen zum perfekten Profil.
 

Was bringt’s?

«Ja um Himmels willen. Ich lasse doch nicht jeden in mein Netzwerk.» Die Reaktionen meiner Mitmenschen reichen von entsetzt bis «selbst schuld». Auf jeden Fall sind sie eindeutig. «So ein Profil aufbauen und pflegen kostet doch nur Zeit», höre ich von Freunden und Kollegen. «Was hast du von all diesen Kontakten? Gibt es dir einen Kick, mit all diesen Autoren und Journalisten nur eine Message entfernt verknüpft zu sein?» Oder: «Was bringt es dir finanziell?»

Als ich vor dreieinhalb Jahren meine Literaturplattform Johntext aufbaute, fragte ich mich nicht, was es mir bringen wird. Vielleicht also sollte diese Frage auch hier nicht erste Priorität erhalten. Mein Gefühl sagt mir: Alles wird gut. Wenn ich mich durch Linkedin klicke, vertraue ich auf meine Inspiration.

US-Senatoren sind in meinem Netzwerk ebenso vertreten wie Parlamentsabgeordnete, Minister, Händler und Medienvertreter aus aller Welt. Der Buchautor aus den USA bietet mir Übersetzungsrechte an. Die Webseitendesignerin aus Indien fragt nach einem Job.
 

Wie nutzen?

Ich teile Artikel, die ich als Journalist schreibe. News der Autoren auf Johntext.de, für die ich kostenlos Webseiten erstelle, verbreite ich per Link über Linkedin. Joygopal Podder etwa, Autor aus New Delhi, schreibt auf newdelhi.johntext.de über sein Leben. Er hat seit 2010 17 Bücher geschrieben und veröffentlicht.

Über 10 000 Kontakte, das sind über 10 000 E-Mail-Adressen, über die ich Zugang zu Entscheidungsträgern aus Teilen der Wirtschaft und des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens habe.
 

Wie neue Kontakte knüpfen?

Ermutigt durch viele neue Kontakte, baue ich Anfang August 2015 meinen Account aus. Linkedin bietet eine kostenlose Premium-Mitgliedschaft für einen Monat an. Ich willige ein. Die Vorteile des Premium-Accounts für mich: 15 Mitglieder auf der Plattform darf ich pro Monat kontaktieren, auch wenn wir nicht vernetzt sind. Ich kann in allen Profilen unbegrenzt suchen, und ich erhalte die Info, wer in den letzten 90 Tagen mein Profil angeklickt hat.

Beim kostenlosen Account darf ich nur Kontakte ersten Grades anschreiben. Kontakten zweiten Grades darf ich eine Bitte um Vernetzung schicken. Und es werden die letzten fünf Profilbesucher angezeigt.

Eine Woche vor Ablauf werde ich per E-Mail kontaktiert, ob ich die Premium-Mitgliedschaft weiter nutzen wolle. Ich lehne dankend ab. 59.99 Franken bei monatlicher Zahlweise oder 20 Prozent Rabatt und 575.88 Franken jährlich sind mir zu viel. Ich habe nicht herausgefunden, wie sich eine Premium-Mitgliedschaft bezahlt macht. Unter linkedin.com/settings lässt sie sich jederzeit kündigen, bevor sich die Mitgliedschaft nach Ablauf des Gratismonats automatisch verlängert.

Wie also starte ich? Zirka 300 Kontakte sind der Grundstein meines Netzwerks. Ich tue genau das, was Linkedin vorschlägt. Inmitten aktueller Diskussionen über die Angst und Vorsicht, persönliche Daten herauszugeben, vertraue ich Linkedin. Zirka 200 Kontaktvorschlägen täglich schicke ich die von der Plattform automatisierte E-Mail mit der Bitte um Vernetzung. Zeitaufwand für mich: eine halbe Stunde pro Tag. Durchschnittlich 50 kommen jeweils der Aufforderung nach. Im Profil vermerke ich, dass ich auf Johntext.de eine internationale Plattform für Autoren ausbauen will.

Menschen, die zielstrebig sind oder etwas im Leben erreicht haben, lieben Menschen mit Zielen. Das ist mein Eindruck. Ende August zähle ich zirka 2800 Kontakte. Linkedin serviert mir Autoren und Verleger aus aller Welt. Ebenso Handwerker, Kassiererinnen und Kellner.

Perry Brass, Journalist der «Huffington Post» und Autor von 19 Büchern, lerne ich auf Linkedin kennen. Er findet Johntext interessant. Ich stelle ihm eine Webseite auf «Johntext New York» bereit. Auch Nixon Issangya aus Tanzania, den ersten Johntext-Autor aus Afrika, kenne ich über Linkedin. Auf «Johntext Tanzania» veröffentlicht er gratis Teile seiner Biografie.
 

Die Rangliste

Je mehr Kontakte ich habe, umso mehr Menschen schauen mein Profil an. Die Statistik erfasst jeden Besucher meines Profils. Linkedin führt mein Profil stets unter den ersten zehn in der Rangfolge aller Profilansichten meiner Kontakte. 736 Profilansichten genügten in der Woche vom 25. bis 31. Januar 2016, um unter die ersten fünf Plätze aus über 10 000 Kontakten zu kommen.

Profilansichten Linkedin Screenshot
Statistik im Standard-Account. Neu: Journalisten surfen interessiert im Kielwasser des Profils.
 

Wobei ein Platz weit oben leicht zu erreichen ist. Bin ich zum Beispiel auf Platz 15 aller Profilansichten, lösche ich einfach einige Kontakte, die vor mir in der Rangliste liegen. Zunächst bemerke ich keine Änderung. Nach zwei bis drei Tagen rücke ich in der Liste der Profilansichten nach oben. Doch Vorsicht: Haben einige dieser Kontakte eine oder mehrere meiner Kenntnisse – zum Beispiel «Management» oder «Leadership» – bewertet, lösche ich mit dem Kontakt auch die Bewertung dieser Kenntnisse. Sind diese Kontakte vielversprechend, schreibe ich mir vor der Löschung deren E-Mail-Adressen auf. Ich kann später jederzeit eine erneute Vernetzungsanfrage stellen.
 

Profil

Das Profil teilt sich in Zusammenfassung, Erfahrung, Ausbildung und Kenntnisse – um die wichtigsten Elemente zu nennen. Hier teile ich mit, was ich fachlich zu bieten habe. Auf der rechten Seite zeigt ein Gefäss meinen Profilstatus an. Von «Newcomer» steige ich über vier weitere Stufen zum «Superstar» auf. Zu denken gibt, dass das Gefäss auch im höchsten Status zwei Millimeter Luft nach oben hat.

Rangliste Linkedin Profil Screenshot
Geschafft: dauerhaft unter den ersten 10 Rängen aller Kontakte.
 

Erklärung dafür findet sich keine. Das öffnet der Spekulation die Tür. Erst im Influencer-Status, den Linkedin auf Einladung vergibt, dürfte die höchste Stufe erreicht sein. Die Influencer, die mir bisher im Netz begegnet sind, haben zwischen 85 000 und mehreren Millionen Kontakte.

In der Zusammenfassung präsentiere ich die wichtigsten Daten meines Profils. So kann Google mich und meine Fähigkeiten prominent in den Suchergebnissen präsentieren. Ende September endet meine Weiterbildung zum Online-Redaktor bei der «Schreibszene». So füge ich meinem Profil dieses Ereignis unter Ausbildung bei.

Facebook, die Plattform für private Kontakte, setzt die oberste Grenze aller Facebook-Freunde bei 5000 an. Linkedin ist grosszügiger. Es gibt keinen Deckel, der mich ausbremsen könnte. So kommen jede Woche zwischen 700 und 1000 neue Kontakte hinzu.
 

Kenntnisse bewerten

Die Bewertung meiner Kenntnis «Creative Writing» und vieler anderer begann, als ich Vertrauensvorschuss gab. Wie du mir, so ich dir – im positiven Sinne.

Linkedin fragte mich per eingeblendetem Fenster über dem Profil von Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Genf: «Hat Peter diese Fähigkeiten oder Kenntnisse: ‹Diplomacy›, ‹International Relations› und ‹Human Rights›?» Ich bestätigte.

Ich darf meinen Kontakten Kenntnisse unterstellen. Erst wenn die betreffende Person die Kenntnisse bestätigt, werden sie in ihr Profil aufgenommen.

Kenntnissee meiner Linkedin Kontakte bestätigen Screenshot
Kenntnisse bestätigen: Vertrauensvorschuss leicht gemacht.
 

Der Autor Nixon Issangya aus Tanzania vernetzte sich mit mir. Seine Kenntnisse «Editing», «Published Author», «Publishing», «Books», «Creative Writing» und «Social Networking» unterstütze ich.

Von zehn Verbindungen, denen ich Kenntnisse bestätige, kommen durchschnittlich zwei auf die Idee, sich gleichfalls mit der Unterstützung meiner Kenntnisse zu bedanken. Inzwischen bin ich gefühlt fachlich überqualifiziert.

Kenntnisse, die meine Kontakte auf Linkedin bestätigt haben, Screenshot
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Kontakte, die es gut mit mir meinen. Kenntnisse ahoi.
 

Die meisten meiner Kenntnisse sind vorhanden. Bei «Marketing» und «Management» sollte ich mich weiterbilden. Die übrigen 45 Kenntnisse vertiefe ich, angespornt durch den Vertrauensvorschuss.
 

Empfehlungen

Die Königsklasse des Netzwerkens erklimmt, wer Empfehlungen durch Mitarbeitende, Geschäftspartner oder Vorgesetzte im Profil aufweist.

Empfehlungen auf Linkedin, Screenshot
Hindernisparcours. Linkedin erlaubt Empfehlungen von Geschäftspartnern, Kollegen und Vorgesetzten.
 

Die haben die wenigsten. Auch ich nicht. Geht es doch darum, fair und gekonnt die Kenntnisse und Kompetenzen zu bewerten. Vermintes Terrain. Bediene ich mich beim Texten dafür entlang den gängigen und bekannten Formulierungen aus guten bis sehr guten Arbeitszeugnissen? Eine an sich harmlose Formulierung wie «ist gesellig» kann «trinkt gerne» im HR-Jargon bedeuten. Also Vorsicht. Und im Zweifelsfall: Hände weg. Eine gut formulierte Empfehlung soll ihre Kontakte beruflich weiterbringen.
 

Obergrenze bei Einladungen

Unter «Gesendete Einladungen» sind alle Vernetzungsanfragen aufgelistet. Im Laufe der Monate habe ich herausgefunden, dass Linkedin hier eine natürliche Bremse eingebaut hat. Ist die Zahl der Vernetzungseinladungen höher, als ich im Account Kontakte habe, greift diese Bremse. Sind also 300 Vernetzungseinladungen von mir verschickt worden und habe ich nur 300 Kontakte, stoppt Linkedin weitere Bitten um Vernetzung, ohne dass ich es merke. Es wird zwar nach jedem Klick auf «Vernetzen» angezeigt: «Die Einladung wurde an … versendet». In der Liste der Vernetzungsanfragen werden diese Einladungen aber nicht aufgeführt. Ich vermute, sie werden nicht hinausgeschickt. Das merke ich daran, dass ich in diesem Stadium kaum neue Kontakte bestätigt bekomme.

Seit ich regelmässig ältere Vernetzungsanfragen in der Liste «Gesendete Einladungen» lösche, kann ich diese Kontaktbremse umgehen.

Einladungen löschen auf Linkedin, Screenshot

Die Handbremse lösen. Linkedin schützt Mitglieder vor aktiven Kontaktanfragen.
 

Aktuell

Über die Stichwörter «Autor» und «Verlag» in meinem Profil schlägt Linkedin mir Autoren und Verlagsgründer zur Vernetzung vor. Mit dem Stichwort «Journalist» ändert sich das. Nun sind es Redaktoren, Print- und Fernsehjournalisten. Mein zweites, neues Ziel neben der Literaturplattform Johntext ist eine unabhängige internationale Journalistenplattform für Schreibende aus aller Welt. Die Domain habe ich: Johntext.news. Und wieder habe ich dieses Ziel in mein Profil geschrieben.

Meine bisherige Erfahrung sagt mir, dass die meisten Kontakte auf Linkedin ihre Laufbahn auflisten. Sehr selten sehe ich ein Profil, in dem Ziele angegeben sind. Ich habe nur gute Erfahrungen damit gemacht.

Auf Linkedin traf ich wunderbare Menschen. Und ich geniesse diese Nähe zu entfernt Wohnenden, die andere Online-Plattformen gleichfalls erschaffen. Ich bin diszipliniert. Jederzeit kann ich den Account schliessen. Kontrolle ist mir wichtig. Ich bin noch im Stadium der Vernetzung. Im nächsten Schritt nutze ich das Netzwerk zur aktiven Stellensuche. Finanziell habe ich bislang weder etwas von Johntext noch von Linkedin. Beides wächst und ich freue mich daran. Geld ist nur ein Mass vieler Dinge.
 
Dieser Artikel wurde von mir auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Blatters Ballverlust

Blatters Ballverlust
Joseph S. Blatter vor der Weltpresse am Zürichberg
Corinne Blatter Andenmatten unterstützt ihren Vater Joseph S. Blatter.
 

Am 21. Dezember 2015 verteidigte sich Joseph S. Blatter an der Pressekonferenz am Zürichberg vor mehr als 70 Journalisten aus aller Welt. Eine Annäherung.

Die Übertragungswagen parkieren in langer Reihe. Einige Fotografen warten in der Vorhalle und auf der Strasse auf Blatter. Niemand weiss, ob er sich bereits im Gebäude befindet. Ich bin ein Frischling im Journalistenberuf. Und aufgeregt. Ein Interview mit Joseph S. Blatter nach der Pressekonferenz wäre toll. Ein älterer Herr schüttelt in der Vorhalle Hände. Er nennt die Journalisten beim Namen. Im schwarzen Anzug, mit blauem Hemd und rotgesprenkelter Krawatte strahlt er Autorität aus. Er verschafft mir Zugang. Blatters Berater Klaus J. Stöhlker.

Die Journalisten sitzen im Konferenzraum wie im Vorlesungssaal einer Universität. Ganz oben hinter den Fernsehkameras finde ich einen Sitzplatz.

Blatter kommt. Ein weisses Pflaster verdeckt einen Teil der rechten Wange. Blitzlichtgewitter. Er beginnt zu reden. Langsam, auf Englisch.

Ich stehe auf und drängle an den Fernsehkameras vorbei. Die Journalisten sitzen unter mir Notebook an Notebook und schreiben live über den Ticker. Ob sie spicken und voneinander abschreiben?

Der Fussball spielt an diesem Tag eine untergeordnete Rolle. Gleichwohl bringt Joseph S. Blatter seine Mission während 17 Jahren als Präsident der Fifa auf den Punkt: «Fussball bringt in diese verstörte Welt Emotionen und Hoffnung.» Er wirkt traurig und enttäuscht.
 
Suspendiert für acht Jahre

Danach wiederholt er, was am Morgen bekannt wurde: Die Ethikkommission der Fifa habe ihn für acht Jahre suspendiert. Er spricht über die Auswirkungen: Tochter und Enkelin gemobbt.

Joseph S. Blatter war 40 Jahre bei der Fifa. Die Fifa ist wie eine Familie für ihn. Nun ist er 79. Wieso tritt er nicht leise, vertraut auf den Rechtsweg, statt sich der Öffentlichkeit zu stellen?

Je länger der Walliser redet, umso kämpferischer wird er. Er verkündet, er werde gegen den Entscheid der Fifa vorgehen.

Wie um Himmels willen komme ich hierher? Über Fussball weiss ich nicht viel. Al Imfeld, 81, Autor, Religionswissenschaftler und Afrikakenner aus Zürich, erzählte mir während eines Interviews von Blatter. «Blatter setzte die Fussball-WM in Südafrika gegen alle Widerstände innerhalb der Fifa durch. Er wollte Afrikas Menschen über den Fussball Selbststolz zurückgeben. Das ist ihm gelungen.» Blatter sei von einem missionarischen Denken inspiriert, das im katholischen Wallis Tradition habe. Joseph S. Blatter als Missionar? Woran ist er dann gescheitert? Ich wurde neugierig. Bemühte mich um ein Interview mit dem suspendierten Fifa-Präsidenten. Vergeblich.

Jetzt bin ich hier. Einer von vielen.

Der Mann da vorne scheint keiner von den aalglatten Typen zu sein, die sonst die Karriereleiter besetzen. Er macht einen bodenständigen Eindruck. Klein, rund, gemütlich. Jetzt ist er im Verteidigungsmodus. Es geht nicht um die Wiederwahl. Er kämpft um den guten Namen.

Blatter surft auf der Geräuschkulisse der klickenden und surrenden Fotoapparate.

Ich gehe nach vorne und setze mich frech auf den Boden vor den Pressetisch. Ich möchte mir den Kerl aus der Nähe ansehen. Der Security-Mann lässt mich gewähren. Hinter mir tuscheln zwei Journalisten, was mir einfalle, mich dorthin zu setzen. Mehr trauen sie sich nicht. Live vor der Weltöffentlichkeit.

Blatter klagt die versammelten Journalisten an: «Sie waren zur Stelle, um den Fifa-Präsidenten zu verdammen: Er ist korrupt.» Und weiter: «Ich bin nicht verantwortlich für Menschen, die von anderen gewählt wurden.»
 
Holt er sich den Ball zurück?

Die «Weltwoche» hält ihn für den Schweizer des Jahres. Wladimir Putin würdig für den Friedensnobelpreis. Der «Tages-Anzeiger» titelt «Steile Karriere mit beispiellosem Absturz». Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn. Joseph S. Blatter polarisiert weltweit.

Blatters Tochter sitzt links neben ihm. Ab und zu sieht er zu ihr hinüber. Sie gibt ihm Halt. Er spricht über sich: «Ich bin ein Mensch mit Prinzipien. Ich bin angeklagt, Platini Geld gegeben zu haben für die Stimmen bei den Präsidentschaftswahlen 2011. Nein.»

Blatters Stimme versagt. Er ist aufgewühlt. Er wirkt nicht wie ein professioneller Redner. Rechts neben ihm sitzt Thomas Renggli. Er zeigt auf die Journalisten, die eine Frage stellen dürfen. Joseph S. Blatter hat ihn vorgestellt: «Thomas Renggli hält zu mir, und unter Ihnen gibt es vielleicht noch einen, der mich unterstützt.» Ich fühle mich angesprochen. Ich möchte die Geschichte schreiben. Die Geschichte von Joseph S. Blatter und der Fifa.

Joseph S. Blatter beantwortet Fragen. Dann geht er. Meine Poleposition vor Blatters Tisch hat wenig gebracht. Ich hatte eine Frage an Blatter. Ich kam nicht zum Zug.

Vor dem Konferenzraum warten Journalisten. Wird er Einzelinterviews geben? Keiner traut sich jetzt zu gehen. Später stellt sich heraus: Joseph S. Blatter ist längst abgefahren. Sein Berater Klaus J. Stöhlker nutzt die Zeit und gibt ein Interview nach dem anderen. Ich höre, wie er zu einem Journalisten sagt: «Blatter ist Fussballspieler. Er hat den Ball verloren und holt ihn sich wieder.»

Auch ich spreche mit Klaus J. Stöhlker – über Vernetzung im Beruf: «Gut gemeint genügt nicht»
 
http://www.johntext.ch
 
Joseph S. Blatter mit seiner Tochter Corinne vor der Weltpresse am Zürichberg

Joseph S. Blatter stellte sich der Weltpresse.

«Gut gemeint genügt nicht»

FOTO UND TEXT: Hans-Jürgen John
«Gut gemeint genügt nicht»
 

Klaus J. Stöhlker PR-Berater Zürich
Klaus J. Stöhlker rastlos im Einsatz für Joseph S. Blatter.
 
Klaus J. Stöhlker, 74, gab nach der Pressekonferenz über die Zukunft Blatters kurz vor Weihnachten ein paar Tipps für die Karriere.

Herr Stöhlker, Sie sind ein gefragter PR-Berater. Heute sind Sie mit Joseph S. Blatter vor der Weltpresse hier. Was raten Sie einem ehrgeizigen Menschen am Anfang seiner Berufslaufbahn?
Er oder sie muss sich in der heutigen globalisierten Welt ein genaues Ziel setzen, denn die Zahl guter Konkurrenten ist gross. Fleiss ist entscheidend, um in gute Positionen hineinzuwachsen. Je höher man steigt, desto mehr muss die Sozialkompetenz mitwachsen. Stabile familiäre Verhältnisse sind eine wesentliche Voraussetzung für den dauerhaften Vorstoss in die Führungselite.

Sie sind Spezialist für Vernetzung und Kommunikation. Wie haben Sie Ihr Netzwerk aufgebaut?
Seit meinem 14. Lebensjahr habe ich täglich mindestens zwei neue Menschen kennen gelernt. Viele sind dann später durch das Netz gefallen, laufend kommen neue hinzu. Mit ihnen wächst mein Wissen und ebenso die Zahl der Kontakte.

Wie sollen Netzwerke gepflegt und bei der Arbeitssuche genutzt werden? Was raten Sie Berufstätigen?
Wer Netzwerke für die Arbeitssuche nutzen will, muss wenige und starke Signale aussenden. Die Kunst, diese zu formulieren und darzustellen, will gelernt sein. Gut gemeint genügt nicht.

Was halten Sie von den Social-Media-Plattformen LinkedIn und Xing?
Wirklich anspruchsvolle Aufgaben erhält man kaum über die sozialen Netzwerke. LinkedIn und Xing können Anhaltspunkte oder Erstkontakte bieten, mehr aber auch nicht. In der Praxis ist ein einfacher Telefonanruf bei der richtigen Person oft der richtige Weg. Grosse Dossiers für den Erstkontakt sind meist eine noch grössere Verschwendung.

Sie sind 74 Jahre alt. Das Wort «Rentenalter» scheint ein Fremdwort für Sie zu sein.
Ein gebildeter Mensch geht nicht in Rente. Wo der Kopf das entscheidende Arbeitsinstrument ist, kann man dieses nicht in einem beliebigen Jahr abstellen. Der Sach- und Praxisintelligenz der Jugend kann ich eine ausserordentliche Erfahrung ergänzend zur Verfügung stellen. Ich rieche Risiken und Gefahr auf Kilometer im Voraus; ausserdem weiss ich sofort, ob ein Programm oder eine bestimmte Massnahme jene Durchschlagskraft hat, die man von ihr erwartet. Phantasie in der Jugend und Disziplin im Alter, das passt gut zusammen.
 
Dieser Artikel wurde am 23.12.2015 auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Wenn Manager schreiben

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John

Wenn Manager schreiben

Matthias Wiemeyer mit Tochter Julia, 2, und Sheltie Anouk in Laufen (BL).
Gruppenbild mit Hund: Matthias Wiemeyer mit Tochter Julia, 2, und Sheltie Anouk in Laufen (BL).
 

Matthias Wiemeyer, 51, startete als Betriebswirtschaftler, Philosoph und Germanist. Als Manager bei Grosskonzernen bewegte er viel Geld. Als Schreibschulleiter ist er in Laufen (BL) angekommen. Beruflich wie privat.

Er öffnet die Haustüre und lächelt. Sympathisch und jungenhaft. Gross ist er. Ein Zweimetermann.

Matthias Wiemeyer, Schreibschulleiter aus Laufen (BL), entschuldigt sich. Er durchquert mit raschen Schritten den Wohnbereich zum Arbeitszimmer. Ein Anrufer wartet in der Leitung. Ein kleines Mädchen mit goldblondem Haar kräht «Hallo» und stellt ihr Schaukelpferd als «Jacky» vor.

Matthias Wiemeyer studierte Betriebswirtschaftslehre, Philosophie und Germanistik und arbeitete als Banker und Unternehmensberater für internationale Konzerne. Eine Bilderbuchkarriere. Vor fünf Jahren machte er sich zusammen mit seiner Frau Petra selbständig. Sie übernahmen die kleine Schreibschule «Schreibszene». Deren Gründerin wollte wieder ganz als Autorin arbeiten.
 

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Schreibschule

Die «Schreibszene» in Laufen (BL) bietet literarische und journalistische Kurse an.

Der Schwerpunkt liegt beim Schreiben im Beruf. Vom «Diplom Online-Redakteur» bis zum «Texter mit eidgenössischem Fachausweis» stehen fünfzehn Kurse zur Wahl, die in kleinen Gruppen unterrichtet werden.

Rund ein Dutzend Kurse leiten zum literarischen Schreiben an, zum Beispiel «Kreatives Schreiben», «Über Reisen schreiben» und «Von der Idee zum Buch».

Individuelle Schulungen für Firmen, Behörden, Stiftungen und andere Organisationen bietet die «Schreibszene» auf Anfrage an.

www.schreibszene.ch

 

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Die Betriebswirtschaftslehre hat ihn ins Bankgeschäft gebracht. Doch dann hat irgendwann die Germanistik gewonnen und ihn zur Schreibschule geführt? «Ganz so sei das nicht gewesen», sagt er. Er habe nie so recht in die Grosskonzerne gepasst, weil er im Herzen immer Sinnsucher gewesen sei. «Ein Sinnsucher, der sich in der Tür geirrt hat.»

Er erzählt gerne von früher. Als eine Bürotür an der Zürcher Bahnhofstrasse seinen Namen trug. Und ein Schild: «Philosophische Ambulanz – hier werden Sinnfragen gestellt und beantwortet». Er lächelt wie ein Lausbub. «Ich hatte damals einen ganz normalen Job, in dem es vor allem um Zahlen ging.» Meist sehr grosse Zahlen, weil er im Geschäft mit Mergers & Acquisitions (M&A) tätig war, dem Handel mit Unternehmen und Unternehmensbeteiligungen. «Da waren alle schon zufrieden, wenn der Profit stimmte. Aber das hat mir nicht gereicht.»

Wer Sinnfragen zur Diskussion stellt, muss für eine klare Sprache sorgen. Das können in der Geschäftswelt nur wenige. Daher wurde er dauernd von Kollegen gebeten, beim Schreiben anspruchsvoller Texte zu helfen. So entstand das Hobby «Schreiben unterrichten», das heute sein Beruf ist.
 

Vom Schreiben zur Schreibschule

Wie der Zufall es wollte, stand einige Jahre später die kleine Schreibschule «Schreibszene» zum Verkauf – die perfekte Chance für ihn, den Beruf zu wechseln.

Vermisst er sein altes Managerleben? Mit einem Grosskonzern im Hintergrund, weltweiten Verbindungen und reichlich Geld, um etwas in Bewegung zu bringen? «Ich habe es immer genossen, in internationalen Unternehmen zu arbeiten. Zu Konferenzen trafen sich Leute aus allen Kontinenten. Dieses Netzwerk pflegte ich gern.» Matthias Wiemeyer schaut gedankenvoll zum Kaminofen hinüber. Eine Kiste Brennholz steht davor.

Er hält weiter Kontakt per E-Mail, da nun die Geschäftsreisen wegfallen. Es ist ganz klar: Diesen Teil seines alten Lebens vermisst er. «Du bekommst ein ganz anderes Verhältnis zum Blauen Planeten. Du kennst an vielen Orten Menschen, bei denen du willkommen bist», sagt er und schlägt die Beine übereinander. Vor dem Arbeitszimmer nässt der Rasensprenger das Grün. Der Hund folgt der Katze in die Küche.

Die Einrichtung ist gemütlich, aber nicht luxuriös. «Ich brauche Geld, um mich sicher zu fühlen. Deshalb lebe ich sparsam.» Matthias Wiemeyer fährt einen alten silbergrauen Ford. Geld für teure Markenware gibt er keines aus. Ferien in Fünf-Sterne-Hotels findet er überflüssig. Aber er ist kein Erbsenzähler. Er fühlt sich unwohl, wenn eine Autoreparatur, eine defekte Heizung oder ein Arztbesuch finanzielle Probleme schafft. Deshalb lebt er so, dass es dazu nicht kommt.
 

Glücklich selbständig?

Ob er den Wechsel in die Selbständigkeit bereue? «Ganz und gar nicht», versichert er schnell. «Ich hätte schon viel früher aussteigen sollen.»

«Da wird ja alle paar Jahre reorganisiert. Meist mit dem Ziel, ein paar tausend Leute abzubauen. Für den Vorstand ist das eine glatte Sache. Die Analysten freuen sich, wenn betriebswirtschaftlich mal so richtig aufgeräumt wird. Aber ich muss Mitarbeitende vor die Tür setzen, die ich noch vor wenigen Monaten mit der Aussicht auf eine tolle Karriere abgeworben habe.»

Er schüttelt den Kopf. In der Ferne wiehert ein Pferd. Die grossen blauen Augen schauen ernst. «Gute Führungskräfte sind doch irgendwie auch Vaterfiguren. Sie sagen ihren Mitarbeitenden: ‹Vertraut mir, ich sorge für euch.› Aber so kannst du gar nicht reden. Weil du genau weisst, dass dir beim nächsten Kurswechsel wieder die Fäden aus der Hand genommen werden. Dann hast du gar nicht mehr die Macht, deine Zusagen einzuhalten. Was sagst du einem Mitarbeiter, der ein Haus bauen will und fragt, ob sein Job bei dir sicher ist?»
 

Ein Buch soll aufrütteln

Kultur und Arbeitsklima in Grossunternehmen haben ihn lange beschäftigt. Nicht nur als betroffener Manager, sondern auch als Philosoph, der etwas verstehen will. Dazu hat er sich mit einem anderen Freigeist für ein Buchprojekt zusammengetan, «einem brillanten Physiker namens Gerhard Wohland». Daraus ist ihr Buch «Denkwerkzeuge der Höchstleister» entstanden (siehe Kasten). Die Katze verlässt geräuschlos die Küche. Der Hund folgt Richtung Haustüre.

 
Cover von Denkwerkzeuge der Höchstleister
 

Matthias Wiemeyer, Gerhard Wohland

Denkwerkzeuge der Höchstleister
Warum dynamikrobuste Unternehmen Marktdruck erzeugen

Unibuch Verlag, Lüneburg, 2012
228 Seiten, Fr. 48.90

ISBN 978-3-934900-11-0

 
 
 

Wozu ein Buch? Aus Lust am Schreiben? Nein. Eher als Therapie. Für sich selbst und für die Konzerne, die vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen.

Er braucht eine Tasse Kaffee. Als er zurückkommt, stellt er Fragen: «Wie kann es sein, dass eine Firma sich eine Kultur einhandelt, die keiner haben will? Auch die Vorstände nicht. Und die Mitarbeitenden schon gar nicht. Wie kann es sein, dass ein Unternehmen sich auf Raten zugrunde richtet, obwohl alle Beteiligten klug, engagiert und wohlwollend sind?»

Diese Fragen waren der Anstoss für das Buch. Er ist stolz auf dieses Buch. Es war ihm egal, was Kritiker, Universitätsprofessoren oder Managerkollegen davon halten würden. Er trat einfach ein paar Meter zurück und brachte auf den Punkt, was sein kritischer Geist jahrelang beobachtet hatte. «Ich wusste am Anfang wirklich nicht, worauf das Buch hinausläuft», erzählt er. «Ich habe das erst nach und nach durchschaut. Mit jedem Kapitel, das ich abschloss, war ich im Denken wieder einen Schritt weiter. Und das Feilen an der Sprache hat auch das Denken geklärt.»

Dann kam das Überraschende: Die Besprechungen waren geradezu euphorisch. Einer schrieb, und das gefiel ihm besonders: Das Buch sei «wie ein Getränkestand in der Wüste der Managementliteratur». Er strahlt. «Ein solches Kompliment und noch dazu so erfrischend und anschaulich formuliert – das traf mitten ins Herz.»

Das Schreiben faszinierte ihn, lange bevor er berufstätig war. Er schrieb als Teenager Gedichte – und verbrannte später alle. Sie waren ihm peinlich, und er ist heilfroh, dass er sie heute nicht noch einmal lesen muss.

Er macht einen rundum zufriedenen Eindruck in seinem neuen Leben. Gibt es denn heute nichts mehr, was ihm graue Haare bereitet? Er lacht und streicht sich über die Halbglatze.
 

Schreiben als Therapie

Das Schlimmste sei, sagt er sichtlich bedrückt, wenn ihm jemand ein Manuskript schicke und seine ehrliche Meinung dazu hören wolle. «Es gibt viele Menschen, deren Seele schier auseinanderspringt vor widersprüchlichen Gefühlen, Sehnsüchten und Hoffnungen. Sie benutzen das Schreiben, um in ihrem Inneren Ordnung zu schaffen. Oder wenigstens Waffenstillstand.»

Schreiben kann eine sehr wirksame Therapie sein. Davon ist Matthias Wiemeyer überzeugt. Solche Texte hätten unschätzbaren Wert für die Person, die sie geschrieben habe. Vielleicht auch für ihre Familie. Aber nur ganz selten hätten sie eine hohe literarische Qualität.

«Was soll ich tun, wenn so jemand eine ehrliche Meinung zu seinem Text verlangt?» Am liebsten würde er die Manuskripte nach ein paar Zeilen zur Seite legen. Er fühlt sich als Voyeur, wenn ein fremder Mensch die Abgründe seines Innenlebens vor ihm ausbreitet und seine ganze Hoffnung daran hängt, ein literarisches Lob zu erhalten. Aber wenn das gelogen wäre? Müsse er sich dann verstellen, oder schulde er dem Autor die Wahrheit? «In solchen Momenten wird mir ganz flau im Bauch.»

Er wünscht den sinnsuchend Schreibenden etwas mehr Unabhängigkeit von den Meinungen anderer: «Ihre Texte sind wichtig und wertvoll – auch wenn sie nicht zur Literatur taugen. Gedanken und Gefühle können im Text aus der Distanz betrachtet werden. Der Teil von dir, der reflektiert, betrachtet den Teil von dir, der gelitten hat.» Das öffne den Blick für Zusammenhänge, die der hoffnungslos verstrickte Mensch sonst gar nicht wahrnehme. «Wer das lange genug macht und Texte fabriziert, die diesen Prozess dokumentieren, schliesst irgendwann Frieden mit sich selbst», ist er überzeugt. «Und nach dem Friedensvertrag findet der Mensch dann eine Geschichte in sich, die ich mit Freude lesen würde.»

Leiter der Schreibschule Schreibszene Matthias Wiemeyer

«Ernsthafte Konkurrenz hat die Schreibschule wenig», sagt Matthias Wiemeyer. Er strahlt und hebt die Stimme an dieser Stelle. Seine Frau Petra, die teils am Computer E-Mails beantwortet, teils mit Tochter Julia in der Küche hantiert, soll auch hören, was er erzählt. Da sei seine Frau Petra, die all das könne, was er nicht könne. Manchmal sei er etwas neidisch auf sie. Aber wenn er genau hinsehe, wisse er: «Dass wir so verschieden sind, ist für unsere kleine Firma ein grosses Glück. Als wir das akzeptiert hatten, teilten wir die Arbeit entsprechend auf und liessen den anderen machen. Ab da lief es prima.»

Beide legen in der Schreibschule Wert auf persönliche Beratung. «Bei uns können Interessierte auch abends und am Wochenende anrufen, wenn sie wissen wollen, welcher Kurs vielleicht zu ihnen passt.» Das sei für die Interessenten ein grosser Vorteil. Denn viele machten eine Ausbildung als Online-Redakteur oder Werbetexter, weil ihnen im alten Job die Decke auf den Kopf falle. «Das muss der Chef ja nicht unbedingt mithören.»

Manchmal rät er auch ab. «Wir wollen nur zufriedene Kunden. Daher klären wir vorher genau ab, was die Teilnehmer erwarten und ob wir die richtige Schule sind. Wir haben auch schon andere Anbieter empfohlen. Zum Beispiel die Schweizer Journalistenschule (MAZ) in Luzern oder Privatkurse einzelner Schriftsteller.»

Er ist stolz darauf, dass Teilnehmende seine Schreibschule weiterempfehlen. «Davon leben wir. Für teure Werbung fehlt uns das Geld. Da müssen wir unsere Kursteilnehmer einspannen.»

 

Dieser Artikel wurde am 30.11.2015 auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Was gibt es Neues?

Das Matterhorn in der FerneDas Matterhorn, gesehen aus Zermatt.

Was gibt es denn Neues?

Es sah einige Wochen so aus, als würde es um Johntext ruhiger werden. Plötzlich nahmen von einem Tag zum anderen die Kontaktanfragen auf Linkedin zu. Für die, die dort nicht mit einem beruflichen Profil angemeldet sind: Linkedin ist was für Netzwerker. Sie sind Autor? Linkedin weiss natürlich, was Autoren wünschen. Prompt werden Literatur-Agenten, Verlagsmitarbeiter und Lektoren dort zusammengebracht. Eine tolle Sache.

Innerhalb von drei, vier Wochen stiegen meine beruflichen Kontakte auf Linkedin von 200 bis 300 auf heute fast 4.000 – und ein Ende ist nicht absehbar.

Militärische Berater des Verteidigungsministeriums der USA, zuständig für den Raum Europa und Asien sind ebenso in meinen Kontakten vertreten wie Finanzjongleure, Firmengründer, Literatur-Agenten, Verlagsgründer und Verlagsangestellte. Autoren, Reinigungskräfte, Arbeitslose, CEOs, IT-Fachleute, Führungskräfte des Militärs wie der Polizei und MBA-Absolventen – den Überblick habe ich schon verloren, aber viel Freu(n)de gewonnen.

Sie glauben mir nicht? Wie könnten Sie auch. Prüfen Sie es selbst nach, auf Linkedin bin ich Hans-Jürgen John, Founder von Johntext. Ich akzeptiere jeden Request. Meine Email-Adresse lautet: hans-juergen.john@johntext.de

Nun und so kommt es vor, dass der militärische Berater meine Fähigkeiten bezüglich Management von 28 auf 29 positive Bewertungen steigert und die hinsichtlich Leadership von 8 auf 9. Insgesamt bekomme ich 11 positive Bewertungen meiner beruflichen Fähigkeiten von ihm. Ich meinerseits bin nicht geizig und bewerte seine Skills bezüglich Nato und Defensive Strategy positiv. Ein netter Mensch. Er bedankt sich per Message überschwänglich auf Englisch und ich mich meinerseits. Leben und Leben lassen.

Richtig interessant wird es nun von Tag zu Tag. Da ist der Autor von sechs Büchern, der mir die Übersetzungsrechte verkaufen möchte. Ich passe. Dann der Autor und Fotograf, Sohn berühmter Schauspieleltern, der mit dem Anspruch leben muss, es auch einmal so weit zu bringen. Psychologie überlasse ich anderen.

Unglaublich, wie viele Autoren es gibt. Und erschreckend wie viele davon zu Johntext wollen. Die Büchse der Pandora ist nun einmal geöffnet. Eine Webseite extra für all die Autoren muss her, die Johntext Guest Author Website ist geboren.

Dann ist da der Journalist und Autor der Huffington Post. Er ist mir gleich sympathisch. Keiner von der komplizierten Sorte, direkt und offen. Unglaubliche 19 Bücher hat er geschrieben und veröffentlicht. Die Administratoren bei Wikipedia haben es irgendwie geschafft, ihn bisher von dort fernzuhalten. Ich schlage vor, ihm den Artikel zu schreiben – immerhin hat er ihn verdient. Von den Johntext Autoren sind fünf auf Wikipedia vertreten – mit ihm wären es sechs. Gesagt getan. Die Schlacht beginnt.

Kaum sind die ersten Sätze online, wird der Artikel zur Löschung vorgeschlagen. Ich schüttele nur verwundert den Kopf. Einen Autor, dessen Bücher allesamt (bis auf das Neueste) in den Universitäts-Büchereien der USA vertreten sind, kann Wikipedia nicht ignorieren. Weit gefehlt. Nachdem die erste Woche der Löschungsdiskussionen ohne Eintrag verläuft, eskaliert die Sache. Plötzlich wird die Lösch-Diskussion auf mehrere Plattformen auf Wikipedia verlagert. Der Verdacht kommt auf, dass hier ein Autor aufgrund seiner Anschauungen diskriminiert werden soll.

Ich veröffentliche also einen entsprechenden Hinweis auf Johntext, Linkedin, Facebook und Google+ und rufe dazu auf, diese Löschung nicht zuzulassen. Und siehe da: Heute ist zum ersten Mal der Hinweis auf die bevorstehende Löschung verschwunden. Ich freue mich sehr mit Perry Brass. Diese Schlacht haben wir zusammen gewonnen.

Screen Shot of the article about Perry Brass on Wikipedia

Mit der Webseite für ihn auf Johntext liegt es im Argen. Ich hatte sie ihm für den 01. September versprochen, leider habe ich wenig Zeit. Aber Gut Ding will Weile haben.

Den Autoren, die sich zur Johntext Guest Author Website angemeldet haben konnte ich den Gefallen tun. Seit heute ist die Webseite online – und schon mit so vielen Beiträgen im Rennen um die Gunst der Leser, dass ich gar nicht alle Artikel lesen kann.

Die riesige Freude, die ich einem Autor aus Nigeria gemacht habe, will ich Ihnen hier aber nicht vorenthalten. Für ihn erscheint allein die Tatsache, dass er als Gast-Autor auf Johntext schreiben darf, wie die geöffnete Tür ins Autoren-Paradies.

Auf Facebook schreibt Ihekuna Chimezie Benedict heute wohl in der Aufregung nicht ganz fehlerfrei (unter dem Pseudonym Mr. Ben hat er so um die 25 Bücher geschrieben und veröffentlicht jetzt eins nach dem anderen):

I’m officially been announced as an International Guest Author at Switzerland’s literary platform, JohnText (Check out http://johntext.de/guestauthors/about-the-authors/). September 07, 2015 is a memorable day for me! Thanks Hans John for this great opportunity …

So viele wunderbare Autoren. Sendoo Hadaa, Autor und Professor aus der Mongolei hat mehr literarische Preise gewonnen als andere Bücher geschrieben. Gaurav Sharma aus Indien gilt nach seinen ersten beiden Büchern Love @ Air Force und Rapescars als Geheimtip. Viele andere, die sich für die Johntext Author Website beworben haben, konnte ich noch nicht dort berücksichtigen.

Und nach welchen Kriterien sie bei Johntext aufnehmen oder eben nicht? Da vertraue ich ganz auf den da ganz oben – er wird schon die richtigen schicken und die anderen fernhalten.

Einer von den Richtigen ist Nixon Issangya – ein Autor aus Tanzania – ein Mensch mit dem Herzen auf dem richtigen Fleck. Und der erste Johntext-Autor aus Afrika. Die offizielle Bekanntmachung erfolgt noch in der Presseerklärung.

Soweit so gut. Ich halte Sie auf dem Laufenden.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme und erfolgreiche Woche.

Ihr Hans-Jürgen John