Abbilder der Realität

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John
Abbilder der Realität
Jan Gassmann Filmregisseur aus Zürich
Jan Gassmann, Filmregisseur aus Zürich, vor dem Bistro RiffRaff

 

Der Schweizer Filmregisseur Jan Gassmann erhielt für seine Filme etliche Auszeichnungen. Seine Filme kreiert er nicht nur aus seinem Kopf. Er muss viel erleben, um es dann filmisch umzusetzen.

Frühling ist es und warm. Der Regisseur von «Heimatland» betritt in Jeans und T-Shirt die Kinobar im RiffRaff in Zürich. Mit dem Skateboard unterm Arm bestellt er einen Espresso. Im Herbst kommt «Europe, she loves» in die Kinos. Premiere war auf der 66. Berlinale.
Ein Interview mit ihm zu bekommen, ist schwer. Nach drei Monaten hat es geklappt.
Wir sind allein. Die getönte Scheibe im Rücken von Jan Gassmann spiegelt Fussgänger und ab und zu ein Fahrzeug.
«Im RiffRaff arbeitete ich früher. Hier sind alle unsere Filme gelaufen.» Er gehe gerne ins Kino. Aus Spass und Neugierde und über das berufliche Interesse hinaus. «Wann immer ich es mir leisten kann», fügt er hinzu.
Gassmann dreht sich eine. «Natural American Spirit.» Wozu er Filme drehe, frage ich und weiss längst, dass er eine soziale Ader hat. Sonst würde er in seinen Filmen nicht Autisten, Homosexuelle oder Krebskranke in den Mittelpunkt stellen.
Es sei einfach «der Wunsch, Geschichten zu erzählen». Inhalte so zu transportieren, dass Zuschauer sie aufnehmen könnten. «Wenn alles gut läuft, bin ich als Künstler mehr verloren, als wenns schlecht läuft.» Gerade der Misserfolg und Neues spornten ihn an. Seit 14 Jahren mache er längere Filme. «Ich habe den Anspruch, besser zu werden. Weiterzukommen. Mich selber herauszufordern, ist das Ziel. Projekte zu machen, die ich noch nicht versucht habe.»

 

«Zuschauer herausfordern und zum Denken anregen»

Filme mit Vorbildcharakter? Er lacht. Nein, das sei sicher nicht seine Aufgabe. Die Realität bilde er im Film ab. «In meinen Filmen gibt es Sexualität, Drogen und alles Mögliche, was uns das Leben so anbietet.» Gleich schränkt er ein: «Im Film geht es nicht um die perfekte Abbildung. Er bringt die Phantasie im besten Fall ins Rollen.» Ein anderer Aspekt ist ihm wichtig: «Unserer Welt fehlt es an Helden.» Und so kommen seine Filme ohne aus. «Eher mit Antihelden.»
Früher, ja früher wollte er mit seinen Filmen etwas erreichen, auch politisch. Heute sieht er das weiter: «Film muss keine Lösung oder Handlungsanweisung sein. Meine Filme sollen den Zuschauer herausfordern und zum Denken anregen.»
Nach und nach sind die Tische um uns herum alle besetzt. Liegt es an dem bekannten Filmregisseur oder an der freitäglichen Aprilsonne? 2008 erhielt er allein für «Chrigu» den Berner und den Zürcher Filmpreis und 2009 den Preis der Schweizer Filmkritik und den Prix Walo. Weitere Preise für weitere Filme folgten. «Chrigu» liege ihm nach all den Jahren immer noch sehr am Herzen.

 

Genügsam

Was verbindet den privaten Jan Gassmann mit dem beruflichen? Er lebe sehr intensiv. «Exzessiv im Leben und exzessiv in der Arbeit.» Liebe, Party, Drogen – das alles gehöre irgendwie zum Leben dazu. Das ganze Leben bestehe sicher nicht daraus. «Im Exzess fällt einem nichts zu.» Er inspiriere allenfalls.

Jan Gassmann vor dem Bistro und Kino RiffRaff, Zürich
Jan Gassmann liebt Zürich. Er vermisst hier nur das Meer.

 

Für Gassmann gibt es unterschiedliche Regisseure. «Die einen kreieren alles aus ihrem Kopf.» Er gehöre sicher zu denen, die vieles erleben müssen und es dann filmisch umsetzen.

Wo wir beim Vergleich mit anderen sind: Es gebe Leute, die seien schon aufgrund der Herkunft privilegiert. «Ich habe die Welt eher von der Mitte und von unten gesehen. So hat alles bei mir eher mit Wille und Arbeit zu tun und weniger mit Connections oder so.»

Er habe sich das Leben bereits sehr früh selber finanzieren können. «Als Cutter oder über Nebenjobs.» Er sieht zu den getönten Scheiben des Bistros hinüber, zu dem ein Kino gehört.

«Ich fühle mich sehr frei in dem, was ich mache. Mein Leben ist recht skalierbar. Ich kann mal mehr Geld haben und mal weniger. Ich habe nicht besonders viele Wünsche.» Er brauche wenig zum Leben. «Ich kaufe ab und zu mal eine Schallplatte. Thatʼs it.»

 

Unabhängig

Hager ist er, fast dünn. Wichtig sei, was man zu sich nehme. «En guete Zmorge und dann einmal eine Mahlzeit am Tag» reiche ihm. Als Student lag ihm Pasta, jetzt seien es eher Kartoffeln in jeglicher Zubereitung, mal Fisch und Salat.

Ist in seinem Leben Platz für Kinder und damit Familie? Ja, bestimmt. Wie sich das halt ergebe.
«Ich habe keinen Lebensplan, der mir sagt: Jetzt bist du 32. Jetzt musst du dich so verhalten.» Es gebe für ihn nicht ein Ziel oder eine Zufriedenheit. Das «Wichtigste auf der Welt» existiere für ihn nicht.
«Das Zwischenmenschliche zählt sehr viel für mich.» Ungekämmt und mit Dreitagebart sitzt er mir vor dem Bistro gegenüber. Ist sein Äusseres der Filter, mit dem er sich Menschen auf Abstand hält, die Kontakte nach dem Aussehen knüpfen?
Er legt beide Hände auf der Tischkante ab. Richtig sei, intensiv zu leben. Den Moment mitzunehmen. «Das Licht macht den Schatten und umgekehrt.» Wenn etwas wichtig sei, dann verschiedene Momente. Und davon wieder die problematischen. Da ist sie wieder. Seine Art, sich zu motivieren. Über alles, was nicht rund ist und nicht rund läuft.
Er reist gerne. Der 32-Jährige war in den USA. In Thailand, dem Senegal und Mexiko und auch ein Jahr in Ecuador, teilweise mit Stipendium. «Mit dem Auftrag, für einen Film zu reisen, ist nochmals sehr viel interessanter, als nur zu relaxen. Du hast sofort Kontakt zu den Leuten.» In Indien hat er auch gedreht. Und er sei gerne immer wieder in Zürich. «Es gibt hier ein breites Angebot. Und viel Kontrast. Das mag ich sehr gerne an dieser Stadt.»
In Geld sieht er vor allem ein Mittel. «Geld ist okay. Ich beklage mich nicht. Ich kann von den Filmen leben. Das Einzige, was ich in Zürich vermisse, ist das Meer. Sollte ich einmal viel, viel Geld haben, werde ich mir irgendwo in einem Dörfchen eine kleine Wohnung mieten.»
Unabhängig zu sein, sei ein extremes Privileg im Vergleich zu anderen. «Es ist aber nicht geschenkt. Filme machen ist nicht wie eine Karriere, in der alles immer grösser wird. Oft gibt es einen Bruch.» Vier Jahre an einem Projekt zu arbeiten, und dann komme es nicht zustande – das sei möglich.
Was macht er dagegen? Zurzeit arbeite er an zwei bis drei Projekten gleichzeitig. Komme eines nicht zustande, so greife er auf ein anderes zurück. Und werden alle realisiert? Er lacht. «Ich habe dann auf einmal sehr, sehr viel zu tun.»

 

«Europe, she loves» im Herbst in den Kinos

Tastet er sich nach mehreren Filmen mit sozialem Hintergrund an einen Kassenknüller heran? «Europe, she loves» spielt in verschiedenen europäischen Ländern. Und es dreht sich um Beziehungen.
Jan Gassmann bleibt bescheiden und skeptisch. Der Film ist eher melancholisch. «Es gibt keine Formel.» Viele machten den Film, der die Massen bediene. Und scheitern. Auch die Amerikaner hätten die todsichere Formel nicht. Viele Schweizer Filme schafften es nicht, das Geld einzuspielen, das sie gekostet hätten.
Fazit? «Ich erzähle im Film erst einmal das, was mich interessiert.» Erfolg dürfe nicht die primäre Motivation sein. «Steckt die falsche Motivation hinter einem Ziel, kommt der Erfolg nicht.»
Sein filmisches Erbe kümmere ihn wenig. Sicher sei es ein Nebeneffekt, dass seine Filme Momentaufnahmen ihrer Zeit seien. «Und im besten Fall langsam altern.» Er wiederholt: «Viel wichtiger ist mir, was ich im zwischenmenschlichen Bereich, in der Familie, den Beziehungen und mit Freunden hinterlassen kann.»
Die Ideen für seine Filme kommen ihm spontan. «Europe, she loves» fiel ihm unter der Dusche ein. «Ein Film mit viel Risiko.» Sie fuhren im Team 20 000 Kilometer durch Europa. Niemand wusste, ob der VW-Bus das durchhalte. Ob sie genügend Pärchen für die Dokumentation finden würden. Ja, den Führerschein habe er. Und der VW-Bus sei der Firmenwagen für alle. Mit Julia Tal und Lisa Blatter hat er 2012 die Produktionsfirma 2:1 Film gegründet.
Spricht, nimmt sein Skateboard und surft die Strasse hinunter.

 

Dieser Artikel wurde am 15.06.2016 auf http://derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Händler mit Passion

TEXT: Hans-Jürgen John
Video: Nana do Carmo, Hans-Jürgen John

Händler mit Passion

 
Kurt Müller, 65, startete als Maschinenmechaniker. Beruflich glücklich ist er als selbständiger Antiquitätenhändler mit eigenem Verkaufsladen in Zürich. Schon als kleiner Bub entdeckte er in sich die Leidenschaft für Möbel mit Geschichte.

«Günstig einkaufen und günstig verkaufen» ist das Motto des gebürtigen Zürcher Oberländers Kurt Müller. Meist ersteht der Antiquitätenhändler ganze Wohnungseinrichtungen aus Nachlässen. «Das Gute» stellt er in seinem Laden in Zürich Wiedikon aus. Gefragt sind aktuell Möbel aus den Jahren 1850 bis 1920. Das meiste andere wandert in sein Lager. Und bleibt dort, bis es wieder in Mode kommt. Mit seinen Geschichten über Sammlerobjekte und andere Schätze, die er entdeckt hat, könnte der 65-Jährige ein Buch füllen.

Aufgeregt erzählt er etwa von der Barbie-Puppe in Originalverpackung, die aus einer Wohnungsauflösung stammt und die er für über 2800 Franken verkauft hat. Die Geschichte vom berühmten Mann aus Zürich, der verstirbt und seiner italienischen Haushälterin alles vermacht, werde er nie vergessen. Über Monate hinweg geht er immer wieder dort vorbei und kauft der Erbin etliche Stücke ab, «wenn ich wieder etwas Geld im Sack hatte».

 
Dieser Artikel wurde am 20.04.2016 auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Flucht in die Kunst

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John

Flucht in die Kunst

Bilder, die erzählen: Künstler Abdelbagi Shahto.
Bilder, die erzählen: Künstler Abdelbagi Shahto.
 

Aus Baumrinde, Erde und Leinwand schöpft Abdelbagi Shahto, 56, seine Kunstwerke. Die «Galerie le sud» in Zürich stellt sie aus. Der Künstler, Anwalt und Menschenrechtsaktivist aus Rafz (ZH) träumt vom eigenen Atelier.

Weiss getünchte Wände lenken den Blick auf erdfarbene Bilder. Die Decke ist hoch. Der Galerist offeriert einen Kaffee. Der Künstler ist auf Parkplatzsuche. Leise Musik begleitet die Schritte über das Parkett von Kunstwerk zu Kunstwerk. Millimeterkleine Klebepünktchen rechts unter den Leinwänden weisen über Zahlen zu Titel- und Preisliste. Die Katze, das Auge, das Krokodil, der Elefant und das Kamel in Schwarzweiss und Brauntönen beleben die Bilder. Die Schildkröte, der Mensch mit Adlerkopf, Krieger und Speere sind weitere Motive. Dazwischen fremdartige Schriftzeichen.

Abdelbagi Shahto kommt. Der stattliche Mann lacht über das ganze Gesicht. Gleich stellt er sich als Ali vor und bietet das Du an. Er erzählt von sich. Als Künstler und Anwalt war seine Situation im Sudan privilegiert. Ali Shahto wollte in Afrika leben. Doch es gab kein Bleiben. Er verteidigte Menschen aus den Slums von Khartum vor der Obrigkeit. Ein Freund warnte ihn. Sein Leben sei in Gefahr. «Bist du von der CIA oder vom Mossad?» Die Fragen der Polizei machten Angst. Er flüchtet, zunächst allein. Die Frau, die er an der Uni kennen gelernt hatte, lässt er jetzt zurück.

«Eigentlich wollte ich nach Kanada.» Die Schweiz soll Zwischenstation sein. Die Schweizer Botschaft hilft ihm mit einem Visum. Doch weil die Schweiz ein sicheres Land ist, muss er einen Asylantrag stellen. Shahto bleibt. Er kennt das Land und die Sprache nicht. Das ist vor 20 Jahren. Inzwischen ist er eingebürgert. Seine Frau und seine Kinder leben hier. Die Heimat ist fern, und doch lässt Shahto die Verbindung nicht abreissen.

Nur zwei der Bilder in der Galerie sind bunt. Wie er die Farben herstellt? Aus verschiedenen Erden und mit Baumrinde vermischt. Baumrinde aus Afrika? Nein. Die einheimischen Baumsorten eignen sich genauso. Er bleibt vage. Das Erfolgsgeheimnis des Künstlers. Verständlich. Das Rezept einer Schweizer Käsesorte wird auch gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Die Türglocke geht. Ein Besucher. Shahto entschuldigt sich und erklärt Bildmotive.

Seine Kunstwerke wie hier «Die Türe der Hoffnung» sind voller Symbole und Tiermotive.
Seine Kunstwerke wie hier «Die Türe der Hoffnung» sind voller Symbole und Tiermotive.
 

Ali Shahto ist Künstler und Menschenrechtsaktivist. Mit dem Geld aus dem Verkauf seiner Bilder unterstützt er zwei Schulen im Südsudan. Er schickt das Geld nicht. Er kauft davon persönlich Stühle, Bücher und Kleidung. Wenn er wieder einmal im Sudan ist. «Korruption ist ein grosses Problem in meinem Heimatland.» Er weigert sich, Geldspenden zu nehmen. «Aus dem Verkauf meiner Bilder verwende ich 50 Prozent, um die zwei Schulen zu unterstützen. Mit dem Rest decke ich meine Unkosten.» Zu den Schulen gehört eine Farm. Einige der Familien der Schulkinder arbeiten dort und verdienen ihren Lebensunterhalt. Shahto hält nichts von Geld, das den Menschen zur Verfügung gestellt wird. Bargeld fördere Korruption. «Du darfst den Menschen keine Fische geben. Lerne sie zu fischen. Du darfst den Menschen keine Kartoffeln geben. Gib ihnen Werkzeug, um den Boden zu bearbeiten.» Shahto sucht nach Münzen. Er entschuldigt sich. Zurück in der Galerie stellt sich heraus: Er musste die Parkuhr füttern.

Im Nordsudan herrscht eine Militärdiktatur, und das Recht basiert auf der Scharia. Erst seit 2011 ist der ärmere Südsudan abgespalten und unabhängig. Shahto arbeitet für die Opposition im Nordsudan. Er unterstützt sie auf Arabisch über Youtube und Facebook. Arabisch ist die Sprache, um die einfachen Menschen im Sudan zu erreichen.

Ali Shahto schreibt Berichte für Amnesty International oder Human Rights Watch über Menschenrechtsverletzungen im Nordsudan. Ein Zeichen dafür: Es gibt viele Flüchtlinge. Die Losung: «Entweder du stirbst im Meer oder du schaffst es nach Europa» geht im Sudan um. Der Tod ist keine Abschreckung für die Flüchtlinge. «Die Flüchtlingsströme müssen nicht sein. Niemand verlässt sein Heimatland gerne.» Aus wirtschaftlichen Gründen würden die Länder der Weltgemeinschaft immer noch Unrechtsregime akzeptieren. Der Sudan sei reich an Bodenschätzen wie Erdöl. In wenigen Händen konzentriere sich ein Grossteil des Besitzes. «Nur Demokratie kann uns helfen.» Greife die internationale Gemeinschaft nicht ein und unterstütze die Opposition auf dem Weg zur Demokratie, werde die Boko Haram, eine islamistische terroristische Gruppierung vergleichbar mit der Oranisation Islamischer Staat, in zehn Jahren im Sudan vorherrschend sein.

Gibt es eine Lösung? Wie in Südafrika? Shahto zuckt mit der Achsel. Das war ein Glücksfall. Nein. Langfristig wird die Ausbildung der Kinder, Ausbildung generell, die Situation ändern. Sind die Menschen gebildet, sind ihre Perspektiven besser. «Sie kennen ihre Rechte, und sie fordern sie ein.»

Ausbildung ist wichtig. Das weiss Ali Shahto aus eigenem Erleben. Er wächst mit drei Brüdern und fünf Schwestern auf. Der Vater stirbt früh. Ali Shahto will lernen. Seine Geschwister arbeiten. Er setzt sich durch. Als Einziger seiner Familie studiert er. In den Ferien schuftet er auf Baustellen, um sich die Ausbildung zu ermöglichen. Er studiert Kunst und Jura.

Auf seine Kinder ist Shahto stolz. Der jüngste Sohn wird Schreiner. Die Arbeit mit Holz liegt ihm. Aus ihm könnte ein Künstler werden. Shahtos Tochter und sein anderer Sohn studieren an einer Schweizer Universität.

Ali Shahto macht einen zufriedenen Eindruck. Er hat ein Ziel. Seine Bilder malt er zuhause in Rafz auf dem Balkon. Zumeist im Sommer. Die Sonne sorgt dafür, dass die verschiedenen Malschichten gut durchtrocknen. Das ist wichtig. Für die Haltbarkeit. Shahto träumt von einem eigenen Atelier. Ist er als Künstler in seiner Heimat anerkannt? Teilweise. Der Regierung ist er ein Dorn im Auge. Sie verurteilt ihn, weil er christliche und afrikanische Symbole wie das Kreuz und den sechszackigen Stern in seinen Bildern verwendet. Anerkannt und geduldet sind Symbole und Schriftzeichen aus der islamischen und arabischen Kultur.

Galerist Ted Gueller ist begeistert von Shahtos Kunst. Der Erstkontakt fand übers Internet statt. Die «Galerie le sud» stellt Künstler aus, die sich zwischen «Tribal Art» und zeitgenössischer Kunst bewegen.

Ali Shahto muss los. Die Parkuhr läuft ab. Anderes Land, andere Herausforderungen.

Abdelbagi Shahto mit Galerist Ted Gueller im Ausstellungsraum.
Abdelbagi Shahto mit Galerist Ted Gueller im Ausstellungsraum.
 

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Blatters Ballverlust

Blatters Ballverlust
Joseph S. Blatter vor der Weltpresse am Zürichberg
Corinne Blatter Andenmatten unterstützt ihren Vater Joseph S. Blatter.
 

Am 21. Dezember 2015 verteidigte sich Joseph S. Blatter an der Pressekonferenz am Zürichberg vor mehr als 70 Journalisten aus aller Welt. Eine Annäherung.

Die Übertragungswagen parkieren in langer Reihe. Einige Fotografen warten in der Vorhalle und auf der Strasse auf Blatter. Niemand weiss, ob er sich bereits im Gebäude befindet. Ich bin ein Frischling im Journalistenberuf. Und aufgeregt. Ein Interview mit Joseph S. Blatter nach der Pressekonferenz wäre toll. Ein älterer Herr schüttelt in der Vorhalle Hände. Er nennt die Journalisten beim Namen. Im schwarzen Anzug, mit blauem Hemd und rotgesprenkelter Krawatte strahlt er Autorität aus. Er verschafft mir Zugang. Blatters Berater Klaus J. Stöhlker.

Die Journalisten sitzen im Konferenzraum wie im Vorlesungssaal einer Universität. Ganz oben hinter den Fernsehkameras finde ich einen Sitzplatz.

Blatter kommt. Ein weisses Pflaster verdeckt einen Teil der rechten Wange. Blitzlichtgewitter. Er beginnt zu reden. Langsam, auf Englisch.

Ich stehe auf und drängle an den Fernsehkameras vorbei. Die Journalisten sitzen unter mir Notebook an Notebook und schreiben live über den Ticker. Ob sie spicken und voneinander abschreiben?

Der Fussball spielt an diesem Tag eine untergeordnete Rolle. Gleichwohl bringt Joseph S. Blatter seine Mission während 17 Jahren als Präsident der Fifa auf den Punkt: «Fussball bringt in diese verstörte Welt Emotionen und Hoffnung.» Er wirkt traurig und enttäuscht.
 
Suspendiert für acht Jahre

Danach wiederholt er, was am Morgen bekannt wurde: Die Ethikkommission der Fifa habe ihn für acht Jahre suspendiert. Er spricht über die Auswirkungen: Tochter und Enkelin gemobbt.

Joseph S. Blatter war 40 Jahre bei der Fifa. Die Fifa ist wie eine Familie für ihn. Nun ist er 79. Wieso tritt er nicht leise, vertraut auf den Rechtsweg, statt sich der Öffentlichkeit zu stellen?

Je länger der Walliser redet, umso kämpferischer wird er. Er verkündet, er werde gegen den Entscheid der Fifa vorgehen.

Wie um Himmels willen komme ich hierher? Über Fussball weiss ich nicht viel. Al Imfeld, 81, Autor, Religionswissenschaftler und Afrikakenner aus Zürich, erzählte mir während eines Interviews von Blatter. «Blatter setzte die Fussball-WM in Südafrika gegen alle Widerstände innerhalb der Fifa durch. Er wollte Afrikas Menschen über den Fussball Selbststolz zurückgeben. Das ist ihm gelungen.» Blatter sei von einem missionarischen Denken inspiriert, das im katholischen Wallis Tradition habe. Joseph S. Blatter als Missionar? Woran ist er dann gescheitert? Ich wurde neugierig. Bemühte mich um ein Interview mit dem suspendierten Fifa-Präsidenten. Vergeblich.

Jetzt bin ich hier. Einer von vielen.

Der Mann da vorne scheint keiner von den aalglatten Typen zu sein, die sonst die Karriereleiter besetzen. Er macht einen bodenständigen Eindruck. Klein, rund, gemütlich. Jetzt ist er im Verteidigungsmodus. Es geht nicht um die Wiederwahl. Er kämpft um den guten Namen.

Blatter surft auf der Geräuschkulisse der klickenden und surrenden Fotoapparate.

Ich gehe nach vorne und setze mich frech auf den Boden vor den Pressetisch. Ich möchte mir den Kerl aus der Nähe ansehen. Der Security-Mann lässt mich gewähren. Hinter mir tuscheln zwei Journalisten, was mir einfalle, mich dorthin zu setzen. Mehr trauen sie sich nicht. Live vor der Weltöffentlichkeit.

Blatter klagt die versammelten Journalisten an: «Sie waren zur Stelle, um den Fifa-Präsidenten zu verdammen: Er ist korrupt.» Und weiter: «Ich bin nicht verantwortlich für Menschen, die von anderen gewählt wurden.»
 
Holt er sich den Ball zurück?

Die «Weltwoche» hält ihn für den Schweizer des Jahres. Wladimir Putin würdig für den Friedensnobelpreis. Der «Tages-Anzeiger» titelt «Steile Karriere mit beispiellosem Absturz». Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn. Joseph S. Blatter polarisiert weltweit.

Blatters Tochter sitzt links neben ihm. Ab und zu sieht er zu ihr hinüber. Sie gibt ihm Halt. Er spricht über sich: «Ich bin ein Mensch mit Prinzipien. Ich bin angeklagt, Platini Geld gegeben zu haben für die Stimmen bei den Präsidentschaftswahlen 2011. Nein.»

Blatters Stimme versagt. Er ist aufgewühlt. Er wirkt nicht wie ein professioneller Redner. Rechts neben ihm sitzt Thomas Renggli. Er zeigt auf die Journalisten, die eine Frage stellen dürfen. Joseph S. Blatter hat ihn vorgestellt: «Thomas Renggli hält zu mir, und unter Ihnen gibt es vielleicht noch einen, der mich unterstützt.» Ich fühle mich angesprochen. Ich möchte die Geschichte schreiben. Die Geschichte von Joseph S. Blatter und der Fifa.

Joseph S. Blatter beantwortet Fragen. Dann geht er. Meine Poleposition vor Blatters Tisch hat wenig gebracht. Ich hatte eine Frage an Blatter. Ich kam nicht zum Zug.

Vor dem Konferenzraum warten Journalisten. Wird er Einzelinterviews geben? Keiner traut sich jetzt zu gehen. Später stellt sich heraus: Joseph S. Blatter ist längst abgefahren. Sein Berater Klaus J. Stöhlker nutzt die Zeit und gibt ein Interview nach dem anderen. Ich höre, wie er zu einem Journalisten sagt: «Blatter ist Fussballspieler. Er hat den Ball verloren und holt ihn sich wieder.»

Auch ich spreche mit Klaus J. Stöhlker – über Vernetzung im Beruf: «Gut gemeint genügt nicht»
 
http://www.johntext.ch
 
Joseph S. Blatter mit seiner Tochter Corinne vor der Weltpresse am Zürichberg

Joseph S. Blatter stellte sich der Weltpresse.

«Gut gemeint genügt nicht»

FOTO UND TEXT: Hans-Jürgen John
«Gut gemeint genügt nicht»
 

Klaus J. Stöhlker PR-Berater Zürich
Klaus J. Stöhlker rastlos im Einsatz für Joseph S. Blatter.
 
Klaus J. Stöhlker, 74, gab nach der Pressekonferenz über die Zukunft Blatters kurz vor Weihnachten ein paar Tipps für die Karriere.

Herr Stöhlker, Sie sind ein gefragter PR-Berater. Heute sind Sie mit Joseph S. Blatter vor der Weltpresse hier. Was raten Sie einem ehrgeizigen Menschen am Anfang seiner Berufslaufbahn?
Er oder sie muss sich in der heutigen globalisierten Welt ein genaues Ziel setzen, denn die Zahl guter Konkurrenten ist gross. Fleiss ist entscheidend, um in gute Positionen hineinzuwachsen. Je höher man steigt, desto mehr muss die Sozialkompetenz mitwachsen. Stabile familiäre Verhältnisse sind eine wesentliche Voraussetzung für den dauerhaften Vorstoss in die Führungselite.

Sie sind Spezialist für Vernetzung und Kommunikation. Wie haben Sie Ihr Netzwerk aufgebaut?
Seit meinem 14. Lebensjahr habe ich täglich mindestens zwei neue Menschen kennen gelernt. Viele sind dann später durch das Netz gefallen, laufend kommen neue hinzu. Mit ihnen wächst mein Wissen und ebenso die Zahl der Kontakte.

Wie sollen Netzwerke gepflegt und bei der Arbeitssuche genutzt werden? Was raten Sie Berufstätigen?
Wer Netzwerke für die Arbeitssuche nutzen will, muss wenige und starke Signale aussenden. Die Kunst, diese zu formulieren und darzustellen, will gelernt sein. Gut gemeint genügt nicht.

Was halten Sie von den Social-Media-Plattformen LinkedIn und Xing?
Wirklich anspruchsvolle Aufgaben erhält man kaum über die sozialen Netzwerke. LinkedIn und Xing können Anhaltspunkte oder Erstkontakte bieten, mehr aber auch nicht. In der Praxis ist ein einfacher Telefonanruf bei der richtigen Person oft der richtige Weg. Grosse Dossiers für den Erstkontakt sind meist eine noch grössere Verschwendung.

Sie sind 74 Jahre alt. Das Wort «Rentenalter» scheint ein Fremdwort für Sie zu sein.
Ein gebildeter Mensch geht nicht in Rente. Wo der Kopf das entscheidende Arbeitsinstrument ist, kann man dieses nicht in einem beliebigen Jahr abstellen. Der Sach- und Praxisintelligenz der Jugend kann ich eine ausserordentliche Erfahrung ergänzend zur Verfügung stellen. Ich rieche Risiken und Gefahr auf Kilometer im Voraus; ausserdem weiss ich sofort, ob ein Programm oder eine bestimmte Massnahme jene Durchschlagskraft hat, die man von ihr erwartet. Phantasie in der Jugend und Disziplin im Alter, das passt gut zusammen.
 
Dieser Artikel wurde am 23.12.2015 auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.