Flucht in die Kunst

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John

Flucht in die Kunst

Bilder, die erzählen: Künstler Abdelbagi Shahto.
Bilder, die erzählen: Künstler Abdelbagi Shahto.
 

Aus Baumrinde, Erde und Leinwand schöpft Abdelbagi Shahto, 56, seine Kunstwerke. Die «Galerie le sud» in Zürich stellt sie aus. Der Künstler, Anwalt und Menschenrechtsaktivist aus Rafz (ZH) träumt vom eigenen Atelier.

Weiss getünchte Wände lenken den Blick auf erdfarbene Bilder. Die Decke ist hoch. Der Galerist offeriert einen Kaffee. Der Künstler ist auf Parkplatzsuche. Leise Musik begleitet die Schritte über das Parkett von Kunstwerk zu Kunstwerk. Millimeterkleine Klebepünktchen rechts unter den Leinwänden weisen über Zahlen zu Titel- und Preisliste. Die Katze, das Auge, das Krokodil, der Elefant und das Kamel in Schwarzweiss und Brauntönen beleben die Bilder. Die Schildkröte, der Mensch mit Adlerkopf, Krieger und Speere sind weitere Motive. Dazwischen fremdartige Schriftzeichen.

Abdelbagi Shahto kommt. Der stattliche Mann lacht über das ganze Gesicht. Gleich stellt er sich als Ali vor und bietet das Du an. Er erzählt von sich. Als Künstler und Anwalt war seine Situation im Sudan privilegiert. Ali Shahto wollte in Afrika leben. Doch es gab kein Bleiben. Er verteidigte Menschen aus den Slums von Khartum vor der Obrigkeit. Ein Freund warnte ihn. Sein Leben sei in Gefahr. «Bist du von der CIA oder vom Mossad?» Die Fragen der Polizei machten Angst. Er flüchtet, zunächst allein. Die Frau, die er an der Uni kennen gelernt hatte, lässt er jetzt zurück.

«Eigentlich wollte ich nach Kanada.» Die Schweiz soll Zwischenstation sein. Die Schweizer Botschaft hilft ihm mit einem Visum. Doch weil die Schweiz ein sicheres Land ist, muss er einen Asylantrag stellen. Shahto bleibt. Er kennt das Land und die Sprache nicht. Das ist vor 20 Jahren. Inzwischen ist er eingebürgert. Seine Frau und seine Kinder leben hier. Die Heimat ist fern, und doch lässt Shahto die Verbindung nicht abreissen.

Nur zwei der Bilder in der Galerie sind bunt. Wie er die Farben herstellt? Aus verschiedenen Erden und mit Baumrinde vermischt. Baumrinde aus Afrika? Nein. Die einheimischen Baumsorten eignen sich genauso. Er bleibt vage. Das Erfolgsgeheimnis des Künstlers. Verständlich. Das Rezept einer Schweizer Käsesorte wird auch gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Die Türglocke geht. Ein Besucher. Shahto entschuldigt sich und erklärt Bildmotive.

Seine Kunstwerke wie hier «Die Türe der Hoffnung» sind voller Symbole und Tiermotive.
Seine Kunstwerke wie hier «Die Türe der Hoffnung» sind voller Symbole und Tiermotive.
 

Ali Shahto ist Künstler und Menschenrechtsaktivist. Mit dem Geld aus dem Verkauf seiner Bilder unterstützt er zwei Schulen im Südsudan. Er schickt das Geld nicht. Er kauft davon persönlich Stühle, Bücher und Kleidung. Wenn er wieder einmal im Sudan ist. «Korruption ist ein grosses Problem in meinem Heimatland.» Er weigert sich, Geldspenden zu nehmen. «Aus dem Verkauf meiner Bilder verwende ich 50 Prozent, um die zwei Schulen zu unterstützen. Mit dem Rest decke ich meine Unkosten.» Zu den Schulen gehört eine Farm. Einige der Familien der Schulkinder arbeiten dort und verdienen ihren Lebensunterhalt. Shahto hält nichts von Geld, das den Menschen zur Verfügung gestellt wird. Bargeld fördere Korruption. «Du darfst den Menschen keine Fische geben. Lerne sie zu fischen. Du darfst den Menschen keine Kartoffeln geben. Gib ihnen Werkzeug, um den Boden zu bearbeiten.» Shahto sucht nach Münzen. Er entschuldigt sich. Zurück in der Galerie stellt sich heraus: Er musste die Parkuhr füttern.

Im Nordsudan herrscht eine Militärdiktatur, und das Recht basiert auf der Scharia. Erst seit 2011 ist der ärmere Südsudan abgespalten und unabhängig. Shahto arbeitet für die Opposition im Nordsudan. Er unterstützt sie auf Arabisch über Youtube und Facebook. Arabisch ist die Sprache, um die einfachen Menschen im Sudan zu erreichen.

Ali Shahto schreibt Berichte für Amnesty International oder Human Rights Watch über Menschenrechtsverletzungen im Nordsudan. Ein Zeichen dafür: Es gibt viele Flüchtlinge. Die Losung: «Entweder du stirbst im Meer oder du schaffst es nach Europa» geht im Sudan um. Der Tod ist keine Abschreckung für die Flüchtlinge. «Die Flüchtlingsströme müssen nicht sein. Niemand verlässt sein Heimatland gerne.» Aus wirtschaftlichen Gründen würden die Länder der Weltgemeinschaft immer noch Unrechtsregime akzeptieren. Der Sudan sei reich an Bodenschätzen wie Erdöl. In wenigen Händen konzentriere sich ein Grossteil des Besitzes. «Nur Demokratie kann uns helfen.» Greife die internationale Gemeinschaft nicht ein und unterstütze die Opposition auf dem Weg zur Demokratie, werde die Boko Haram, eine islamistische terroristische Gruppierung vergleichbar mit der Oranisation Islamischer Staat, in zehn Jahren im Sudan vorherrschend sein.

Gibt es eine Lösung? Wie in Südafrika? Shahto zuckt mit der Achsel. Das war ein Glücksfall. Nein. Langfristig wird die Ausbildung der Kinder, Ausbildung generell, die Situation ändern. Sind die Menschen gebildet, sind ihre Perspektiven besser. «Sie kennen ihre Rechte, und sie fordern sie ein.»

Ausbildung ist wichtig. Das weiss Ali Shahto aus eigenem Erleben. Er wächst mit drei Brüdern und fünf Schwestern auf. Der Vater stirbt früh. Ali Shahto will lernen. Seine Geschwister arbeiten. Er setzt sich durch. Als Einziger seiner Familie studiert er. In den Ferien schuftet er auf Baustellen, um sich die Ausbildung zu ermöglichen. Er studiert Kunst und Jura.

Auf seine Kinder ist Shahto stolz. Der jüngste Sohn wird Schreiner. Die Arbeit mit Holz liegt ihm. Aus ihm könnte ein Künstler werden. Shahtos Tochter und sein anderer Sohn studieren an einer Schweizer Universität.

Ali Shahto macht einen zufriedenen Eindruck. Er hat ein Ziel. Seine Bilder malt er zuhause in Rafz auf dem Balkon. Zumeist im Sommer. Die Sonne sorgt dafür, dass die verschiedenen Malschichten gut durchtrocknen. Das ist wichtig. Für die Haltbarkeit. Shahto träumt von einem eigenen Atelier. Ist er als Künstler in seiner Heimat anerkannt? Teilweise. Der Regierung ist er ein Dorn im Auge. Sie verurteilt ihn, weil er christliche und afrikanische Symbole wie das Kreuz und den sechszackigen Stern in seinen Bildern verwendet. Anerkannt und geduldet sind Symbole und Schriftzeichen aus der islamischen und arabischen Kultur.

Galerist Ted Gueller ist begeistert von Shahtos Kunst. Der Erstkontakt fand übers Internet statt. Die «Galerie le sud» stellt Künstler aus, die sich zwischen «Tribal Art» und zeitgenössischer Kunst bewegen.

Ali Shahto muss los. Die Parkuhr läuft ab. Anderes Land, andere Herausforderungen.

Abdelbagi Shahto mit Galerist Ted Gueller im Ausstellungsraum.
Abdelbagi Shahto mit Galerist Ted Gueller im Ausstellungsraum.
 

Diesen Artikel habe ich auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Arbeit ist auch Leben

TEXT: Hans-Jürgen John
FOTOS: Nana do Carmo

Arbeit ist auch Leben

Regula Zellweger unterstützt Stellensuchende als Buchautorin und Berufsberaterin.
Regula Zellweger unterstützt Stellensuchende als Buchautorin und Berufsberaterin.
 

Regula Zellweger, 63, lebt ihre Mission: Sie ist glücklich, wenn sie Inhalte so vermitteln kann, dass es andere und sie selbst vorwärtsbringt. Die Laufbahnberaterin aus Obfelden (ZH) geht Hürden lösungsorientiert an.
 

Frau Zellweger, Sie haben eine bunte Laufbahn und einen interessanten Jobmix: Primarlehrerin, Bibliothekarin, Psychologin, Berufs- und Laufbahnberaterin, Buchautorin, Chefredaktorin, Journalistin, Seminarleiterin, und Sie sind auch Mutter dreier Kinder. Sind Sie eine Titeljägerin?
Nein, ich bin Überlebenskünstlerin. (Lacht.) Ich bin vielseitig interessiert und lebe das auch.
 

Welche Tätigkeiten üben Sie aktiv aus?
Als Chefredaktorin, Kursleiterin und selbständige Laufbahnberaterin bin ich im Moment aktiv. Ich arbeite an einer Broschüre zum Thema Weiterbildung und an einem Berufsinformationsmittel zu Textilberufen. Ich berate gerne. Die Arbeit als Chefredaktorin des Monatsmagazins «active live» macht riesig Spass. Ich bin als Lokaljournalistin unterwegs, leite Kurse, schreibe gerne Blogs und Bücher und vernetze mich fleissig.
 

Sind mehrere Berufe nötig, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können?
Das kommt darauf an. Man darf sich nicht verzetteln. Ich habe eine klare Linie und lebe meine berufliche Mission in vielen Facetten. Sie heisst: «Ich bin glücklich, wenn ich Inhalte so vermittle, dass es andere und mich vorwärtsbringt.» Alle meine bisherigen beruflichen Tätigkeiten entsprechen meinem roten Faden durchs Berufsleben. Ich empfehle jedem, seine eigene berufliche Mission in einem Satz zu formulieren: «Was ist mein Ding?»
 

Wie gehen Sie vor, wenn Sie etwas erreichen möchten?
Ich entscheide mich dafür und erlaube mir, es auszuprobieren. Zielanpassungen sind immer mal wieder nötig. Statt hundertmal mit dem Kopf durch die Wand suche ich neue, kreative Lösungen. Wir spielen das Leben vierhändig, mein Schicksal und ich. Wenn ich ein Ziel zu erreichen versuche, kommen mir manchmal die anderen zwei Hände in die Quere. Ich muss mir keinen Kopf machen, wenn etwas nicht klappt. Ich bin nicht allmächtig, sondern Teil verschiedenster Systeme.
 

Wo setzen Sie Ihre Strategie an?
Ich packe Gelegenheiten und handle. Frechmutig. Im Griechischen gibt es die Begriffe Kairos und Chronos für Zeit. Chronos ist die messbare Zeit, Kairos der richtige Moment. Kairos ist in der griechischen Mythologie als Jüngling mit Flügeln und einer langen Locke vor dem Gesicht dargestellt. Man sagt, dass Menschen, die erfolgreich sind, immer wieder Kairos, die gute Gelegenheit, beim Schopf packen.
 

Das tönt alles sehr selbstbestimmt. Da sind aber auch äussere Einflüsse, die einen Strich durch die Rechnung machen können.
Es ist nicht alles machbar. Beispielsweise wenn jemand aus finanziellen Gründen keinen Zugang zu einer gewünschten Weiterbildung hat, nützt alle Zielsetzung wenig. Denken Sie an alleinerziehende Mütter. Ein Hochschulstudium finanzieren liegt da oft nicht drin. Bildungsgutscheine, die am Anfang des Lebens ausgegeben werden, würden vielleicht zur Chancengleichheit beitragen.
 

Wenn Sie sich für einen Job bewerben, kommen Sie sofort ins Vorstellungsgespräch?
Irgendwie finden mich meine Jobs. Klar, die Bewerbungsunterlagen müssen perfekt sein. Aber Kontakte, die bei mir zu Mandaten oder Teilzeitjobs führten, kamen durch Vernetzen zustande. Über 50-Jährige haben selten mit einer Reaktion auf ein Stelleninserat Erfolg. Sie müssen die Hintertür über das persönliche Netzwerk finden. Und sich in der Branche einen guten Namen machen.
 

Was raten Sie Menschen, bei denen es mit der Jobsuche nicht klappt?
Sie sollen ihre beruflichen Ziele genau definieren und ihre Arbeitsmarktfähigkeit und den Arbeitsmarkt überprüfen; sich gut über einen potenziellen Arbeitgeber informieren und das Vorstellungsgespräch üben, damit sie sich sympathisch und kompetent verkaufen können. Und Kontakte zu Menschen knüpfen, um sie für die eigene Positionierung ins Boot zu holen. Es gilt aber auch, realistisch zu bleiben. Und allenfalls kreativ eine Nische zu finden.

Regula Zellweger ist multiprofessionell
«Ich versuche, positiv durchs Leben zu gehen.»

 

Das tönt gar nicht so schwierig. Trotzdem ist bei vielen, die keine Stelle haben, irgendwann die Luft draussen.
Das ist sehr verständlich! Aber schaffen Sie sich möglichst viele Landeplätze fürs Glück, für Kairos, das ist mein Rat. Sie können das Glück nicht zwingen oder produzieren. Aber Sie können ihm Chancen geben, indem Sie sich stetig weiterbilden, sich vernetzen und lustvoll an die Sache herangehen. Wer Freude an der Arbeit hat und sich mit Begeisterung engagiert, lässt das andere mit einer positiven Ausstrahlung spüren. Bekanntlich läuft der grössere Teil der Kommunikation über die Körpersprache. Ganz wichtig: nie jammern. Lieber: «Wow, das schaffe ich. Ich kann das und das bieten und bin riesig gespannt, wie ich meine Fähigkeiten einbringen kann.» Akquirieren – oder eine Stelle suchen – ist wie säen: Man wirft viele Samen auf guten Boden aus – und weiss, dass nur ein Teil wirklich wurzeln und wachsen wird. Leider ist im Voraus nicht klar, welcher Teil das ist.
 

Wie würden Sie vorgehen, wenn ich zu Ihnen in die Berufsberatung käme?
Wir würden mit Ihrem Lebenslauf beginnen und schauen, was Sie beruflich bieten und welche Fähigkeiten Sie haben. Sie machen Tests und verschaffen sich mit Fragebogen und im Gespräch mit mir Klarheit über sich selbst: Was sind Ihre Werte und Ihre Wünsche? Wie schätzen Sie Ihre Kompetenzen ein? Wichtig dabei ist es, realistisch zu bleiben und letztlich ein konkretes Ziel zu formulieren. Es gilt, sich zudem Lösungen B und C auszuarbeiten.
 

Ist Weiterbildung der goldene Schlüssel, der jede Tür zum Traumjob öffnet?
Allzu spezialisiert zu sein, kann auch ein Problem sein und ins berufliche Abseits führen. Weiterbildung liegt in der eigenen Verantwortung. Wenn in einem Lebenslauf ein Abschluss nachgewiesen wird, zeigt das: «Ich will lernen und mich weiterentwickeln.» Allenfalls ist es von Vorteil, auch Projekte zu dokumentieren. Ein Unternehmer will vielleicht lieber einen Bauingenieur, der in China ein Staudammprojekt geleitet hat, als einen Bauingenieur, der unzählige Weiterbildungen besuchte.
 

Apropos goldener Schlüssel: Haben Sie Tipps zur Motivation, die alle anwenden können?
Tipps genügen nicht. Oft fehlen meinen Klienten das Selbstvertrauen, das Selbstwertgefühl, der Mut; oder die fehlende Motivation hat mit der Grundeinstellung zu tun. Da helfe ich wenig, wenn ich aussen, am Verhalten, feile. Die Ursachen liegen tiefer. Kann mein Klient auf der Ebene der Einstellung oder des Selbstverständnisses etwas verändern, ändert sich viel. Ein Klient antwortete beispielsweise auf die Frage, was für ihn Arbeit sei: «Notwendiges Übel.» Mit der Begründung, er demotiviere andere, wurde er entlassen. Kein Wunder! Die Arbeit kann das Leben farbig machen. Arbeit ist ein prägender Teil unserer Identität. Wenn mich in der Schweiz jemand fragt: «Was bist du?», sage ich nicht «glücklich», sondern «Psychologin» oder «Lehrerin».
 

Was möchten Sie privat und beruflich erleben?
Mein Mass für Erfolg ist ausschliesslich individuelle Zufriedenheit. Und dass ich mich weiterentwickle. Neugierig zu bleiben, ist sehr essenziell. Ich weiss, ich werde noch ganz vielen interessanten Menschen begegnen. Das Wichtigste in meinem Leben ist und bleibt meine Familie.
 

Mit welcher Aussage werden Sie oft von Ratsuchenden konfrontiert?
Viel Respekt habe ich vor Menschen, die sagen: «Sie haben gut reden. Sie haben alles erreicht. Aber mir fällt es nicht so leicht.» Häufig gibt es einen guten Grund, dass Menschen so empfinden; es gibt keine Chancengleichheit. Ich antworte dann: «Ich versuche, positiv durchs Leben zu gehen.» Auch in einer schwierigen Situation bleibe ich dran. (Zeigt auf ein Poster an der Wand.) «Hinfallen, aufstehen, Krönchen zurechtrücken und weitergehen.»
 

Weitere Infos und Arbeitsmittel zum herunterladen: www.rz-laufbahn.ch
 
Arbeitsbücher:

• Mit einer neuen Stelle zum Erfolg: Link zur Buchbesprechung
Beruflich nochmals durchstarten

Tipps für Bodenhaftung: «Sich vernetzen, sich stetig weiterbilden und Landeplätze fürs Glück schaffen.»

Tipps für Bodenhaftung: «Sich vernetzen, sich stetig weiterbilden und Landeplätze fürs Glück schaffen.»
 

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Umsonst vernetzen

TEXT: Hans-Jürgen John
FOTO: Brandon Kühnel

Umsonst vernetzen

Mit Linkedin umsonst weltweit vernetzen
Account anlegen, Profil ausfüllen und los geht es – zahlenmässig ohne Deckel nach oben.
 

Über 10 000 berufliche Kontakte. Weltweit. Ohne Limit nach oben. Hätten Sie die gerne? Linkedin macht es möglich. Umsonst.

Linkedin und Xing sind im Bereich berufliche Netzwerke im deutschsprachigen Raum erste Wahl. Linkedin weist 7 Millionen Mitglieder gegenüber 9 Millionen von Xing in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Lege ich Wert auf eine internationale Ausrichtung meiner Businesskontakte, ist Linkedin top. Das Netzwerk zählt 400 Millionen Mitglieder weltweit und unterstützt inzwischen deutschsprachige Artikel. Xing liegt bei 15 Millionen.

Screenshot Linkedin Account Hans-Jürgen John

Weltoffen? Unter «Konto & Einstellungen» wählen Sie Deutsch, Englisch und 22 weitere Sprachen.
 

Wozu brauche ich 10 000 berufliche Kontakte?, werden Sie sich fragen. Marc Walder, CEO bei Ringier, hat deren 126. Eine kurze Suche ergibt: Viele Geschäftsleute aus dem mittleren und oberen Management legen wenig Wert auf viele berufliche Kontakte in Linkedin. Schliessen sich Qualität und Quantität aus? Oder komme ich zu interessanten Kontakten erst, wenn ich jeden in mein Netzwerk lasse?
 

Der Anfang

So frage ich mich, was mir Linkedin bringen wird. Was möchte ich erreichen? Wie nähern sich andere einem beruflichen Netzwerk?

Informieren, Ziel definieren und handeln. Ich schlafe erst einmal darüber. Und merke: Das bin nicht ich. Ich gehe anders vor.

Ich bin seit Mitte 2012 bei Linkedin, hatte die Plattform bisher aber wenig genutzt. Aus einem Bauchgefühl heraus klickte ich vor sieben Monaten ziellos herum. Die Plattform listet unter der Rubrik «Personen, die Sie vielleicht kennen» Kontakte meiner Kontakte auf. Ich kenne niemanden in der Liste. Ich beschliesse, diese Menschen kennenzulernen. Schliesslich bin ich weltoffen. Und klicke auf «vernetzen». Den Studenten aus Afrika nehme ich ebenso in mein Netzwerk auf wie die Buchautorin aus den USA oder die chinesische Flugbegleiterin aus München.

Linkedin Profil Screenshot
Als «Newcomer» beginnen. Als «Superstar» ankommen. Die vier Stufen zum perfekten Profil.
 

Was bringt’s?

«Ja um Himmels willen. Ich lasse doch nicht jeden in mein Netzwerk.» Die Reaktionen meiner Mitmenschen reichen von entsetzt bis «selbst schuld». Auf jeden Fall sind sie eindeutig. «So ein Profil aufbauen und pflegen kostet doch nur Zeit», höre ich von Freunden und Kollegen. «Was hast du von all diesen Kontakten? Gibt es dir einen Kick, mit all diesen Autoren und Journalisten nur eine Message entfernt verknüpft zu sein?» Oder: «Was bringt es dir finanziell?»

Als ich vor dreieinhalb Jahren meine Literaturplattform Johntext aufbaute, fragte ich mich nicht, was es mir bringen wird. Vielleicht also sollte diese Frage auch hier nicht erste Priorität erhalten. Mein Gefühl sagt mir: Alles wird gut. Wenn ich mich durch Linkedin klicke, vertraue ich auf meine Inspiration.

US-Senatoren sind in meinem Netzwerk ebenso vertreten wie Parlamentsabgeordnete, Minister, Händler und Medienvertreter aus aller Welt. Der Buchautor aus den USA bietet mir Übersetzungsrechte an. Die Webseitendesignerin aus Indien fragt nach einem Job.
 

Wie nutzen?

Ich teile Artikel, die ich als Journalist schreibe. News der Autoren auf Johntext.de, für die ich kostenlos Webseiten erstelle, verbreite ich per Link über Linkedin. Joygopal Podder etwa, Autor aus New Delhi, schreibt auf newdelhi.johntext.de über sein Leben. Er hat seit 2010 17 Bücher geschrieben und veröffentlicht.

Über 10 000 Kontakte, das sind über 10 000 E-Mail-Adressen, über die ich Zugang zu Entscheidungsträgern aus Teilen der Wirtschaft und des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens habe.
 

Wie neue Kontakte knüpfen?

Ermutigt durch viele neue Kontakte, baue ich Anfang August 2015 meinen Account aus. Linkedin bietet eine kostenlose Premium-Mitgliedschaft für einen Monat an. Ich willige ein. Die Vorteile des Premium-Accounts für mich: 15 Mitglieder auf der Plattform darf ich pro Monat kontaktieren, auch wenn wir nicht vernetzt sind. Ich kann in allen Profilen unbegrenzt suchen, und ich erhalte die Info, wer in den letzten 90 Tagen mein Profil angeklickt hat.

Beim kostenlosen Account darf ich nur Kontakte ersten Grades anschreiben. Kontakten zweiten Grades darf ich eine Bitte um Vernetzung schicken. Und es werden die letzten fünf Profilbesucher angezeigt.

Eine Woche vor Ablauf werde ich per E-Mail kontaktiert, ob ich die Premium-Mitgliedschaft weiter nutzen wolle. Ich lehne dankend ab. 59.99 Franken bei monatlicher Zahlweise oder 20 Prozent Rabatt und 575.88 Franken jährlich sind mir zu viel. Ich habe nicht herausgefunden, wie sich eine Premium-Mitgliedschaft bezahlt macht. Unter linkedin.com/settings lässt sie sich jederzeit kündigen, bevor sich die Mitgliedschaft nach Ablauf des Gratismonats automatisch verlängert.

Wie also starte ich? Zirka 300 Kontakte sind der Grundstein meines Netzwerks. Ich tue genau das, was Linkedin vorschlägt. Inmitten aktueller Diskussionen über die Angst und Vorsicht, persönliche Daten herauszugeben, vertraue ich Linkedin. Zirka 200 Kontaktvorschlägen täglich schicke ich die von der Plattform automatisierte E-Mail mit der Bitte um Vernetzung. Zeitaufwand für mich: eine halbe Stunde pro Tag. Durchschnittlich 50 kommen jeweils der Aufforderung nach. Im Profil vermerke ich, dass ich auf Johntext.de eine internationale Plattform für Autoren ausbauen will.

Menschen, die zielstrebig sind oder etwas im Leben erreicht haben, lieben Menschen mit Zielen. Das ist mein Eindruck. Ende August zähle ich zirka 2800 Kontakte. Linkedin serviert mir Autoren und Verleger aus aller Welt. Ebenso Handwerker, Kassiererinnen und Kellner.

Perry Brass, Journalist der «Huffington Post» und Autor von 19 Büchern, lerne ich auf Linkedin kennen. Er findet Johntext interessant. Ich stelle ihm eine Webseite auf «Johntext New York» bereit. Auch Nixon Issangya aus Tanzania, den ersten Johntext-Autor aus Afrika, kenne ich über Linkedin. Auf «Johntext Tanzania» veröffentlicht er gratis Teile seiner Biografie.
 

Die Rangliste

Je mehr Kontakte ich habe, umso mehr Menschen schauen mein Profil an. Die Statistik erfasst jeden Besucher meines Profils. Linkedin führt mein Profil stets unter den ersten zehn in der Rangfolge aller Profilansichten meiner Kontakte. 736 Profilansichten genügten in der Woche vom 25. bis 31. Januar 2016, um unter die ersten fünf Plätze aus über 10 000 Kontakten zu kommen.

Profilansichten Linkedin Screenshot
Statistik im Standard-Account. Neu: Journalisten surfen interessiert im Kielwasser des Profils.
 

Wobei ein Platz weit oben leicht zu erreichen ist. Bin ich zum Beispiel auf Platz 15 aller Profilansichten, lösche ich einfach einige Kontakte, die vor mir in der Rangliste liegen. Zunächst bemerke ich keine Änderung. Nach zwei bis drei Tagen rücke ich in der Liste der Profilansichten nach oben. Doch Vorsicht: Haben einige dieser Kontakte eine oder mehrere meiner Kenntnisse – zum Beispiel «Management» oder «Leadership» – bewertet, lösche ich mit dem Kontakt auch die Bewertung dieser Kenntnisse. Sind diese Kontakte vielversprechend, schreibe ich mir vor der Löschung deren E-Mail-Adressen auf. Ich kann später jederzeit eine erneute Vernetzungsanfrage stellen.
 

Profil

Das Profil teilt sich in Zusammenfassung, Erfahrung, Ausbildung und Kenntnisse – um die wichtigsten Elemente zu nennen. Hier teile ich mit, was ich fachlich zu bieten habe. Auf der rechten Seite zeigt ein Gefäss meinen Profilstatus an. Von «Newcomer» steige ich über vier weitere Stufen zum «Superstar» auf. Zu denken gibt, dass das Gefäss auch im höchsten Status zwei Millimeter Luft nach oben hat.

Rangliste Linkedin Profil Screenshot
Geschafft: dauerhaft unter den ersten 10 Rängen aller Kontakte.
 

Erklärung dafür findet sich keine. Das öffnet der Spekulation die Tür. Erst im Influencer-Status, den Linkedin auf Einladung vergibt, dürfte die höchste Stufe erreicht sein. Die Influencer, die mir bisher im Netz begegnet sind, haben zwischen 85 000 und mehreren Millionen Kontakte.

In der Zusammenfassung präsentiere ich die wichtigsten Daten meines Profils. So kann Google mich und meine Fähigkeiten prominent in den Suchergebnissen präsentieren. Ende September endet meine Weiterbildung zum Online-Redaktor bei der «Schreibszene». So füge ich meinem Profil dieses Ereignis unter Ausbildung bei.

Facebook, die Plattform für private Kontakte, setzt die oberste Grenze aller Facebook-Freunde bei 5000 an. Linkedin ist grosszügiger. Es gibt keinen Deckel, der mich ausbremsen könnte. So kommen jede Woche zwischen 700 und 1000 neue Kontakte hinzu.
 

Kenntnisse bewerten

Die Bewertung meiner Kenntnis «Creative Writing» und vieler anderer begann, als ich Vertrauensvorschuss gab. Wie du mir, so ich dir – im positiven Sinne.

Linkedin fragte mich per eingeblendetem Fenster über dem Profil von Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Genf: «Hat Peter diese Fähigkeiten oder Kenntnisse: ‹Diplomacy›, ‹International Relations› und ‹Human Rights›?» Ich bestätigte.

Ich darf meinen Kontakten Kenntnisse unterstellen. Erst wenn die betreffende Person die Kenntnisse bestätigt, werden sie in ihr Profil aufgenommen.

Kenntnissee meiner Linkedin Kontakte bestätigen Screenshot
Kenntnisse bestätigen: Vertrauensvorschuss leicht gemacht.
 

Der Autor Nixon Issangya aus Tanzania vernetzte sich mit mir. Seine Kenntnisse «Editing», «Published Author», «Publishing», «Books», «Creative Writing» und «Social Networking» unterstütze ich.

Von zehn Verbindungen, denen ich Kenntnisse bestätige, kommen durchschnittlich zwei auf die Idee, sich gleichfalls mit der Unterstützung meiner Kenntnisse zu bedanken. Inzwischen bin ich gefühlt fachlich überqualifiziert.

Kenntnisse, die meine Kontakte auf Linkedin bestätigt haben, Screenshot
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Kontakte, die es gut mit mir meinen. Kenntnisse ahoi.
 

Die meisten meiner Kenntnisse sind vorhanden. Bei «Marketing» und «Management» sollte ich mich weiterbilden. Die übrigen 45 Kenntnisse vertiefe ich, angespornt durch den Vertrauensvorschuss.
 

Empfehlungen

Die Königsklasse des Netzwerkens erklimmt, wer Empfehlungen durch Mitarbeitende, Geschäftspartner oder Vorgesetzte im Profil aufweist.

Empfehlungen auf Linkedin, Screenshot
Hindernisparcours. Linkedin erlaubt Empfehlungen von Geschäftspartnern, Kollegen und Vorgesetzten.
 

Die haben die wenigsten. Auch ich nicht. Geht es doch darum, fair und gekonnt die Kenntnisse und Kompetenzen zu bewerten. Vermintes Terrain. Bediene ich mich beim Texten dafür entlang den gängigen und bekannten Formulierungen aus guten bis sehr guten Arbeitszeugnissen? Eine an sich harmlose Formulierung wie «ist gesellig» kann «trinkt gerne» im HR-Jargon bedeuten. Also Vorsicht. Und im Zweifelsfall: Hände weg. Eine gut formulierte Empfehlung soll ihre Kontakte beruflich weiterbringen.
 

Obergrenze bei Einladungen

Unter «Gesendete Einladungen» sind alle Vernetzungsanfragen aufgelistet. Im Laufe der Monate habe ich herausgefunden, dass Linkedin hier eine natürliche Bremse eingebaut hat. Ist die Zahl der Vernetzungseinladungen höher, als ich im Account Kontakte habe, greift diese Bremse. Sind also 300 Vernetzungseinladungen von mir verschickt worden und habe ich nur 300 Kontakte, stoppt Linkedin weitere Bitten um Vernetzung, ohne dass ich es merke. Es wird zwar nach jedem Klick auf «Vernetzen» angezeigt: «Die Einladung wurde an … versendet». In der Liste der Vernetzungsanfragen werden diese Einladungen aber nicht aufgeführt. Ich vermute, sie werden nicht hinausgeschickt. Das merke ich daran, dass ich in diesem Stadium kaum neue Kontakte bestätigt bekomme.

Seit ich regelmässig ältere Vernetzungsanfragen in der Liste «Gesendete Einladungen» lösche, kann ich diese Kontaktbremse umgehen.

Einladungen löschen auf Linkedin, Screenshot

Die Handbremse lösen. Linkedin schützt Mitglieder vor aktiven Kontaktanfragen.
 

Aktuell

Über die Stichwörter «Autor» und «Verlag» in meinem Profil schlägt Linkedin mir Autoren und Verlagsgründer zur Vernetzung vor. Mit dem Stichwort «Journalist» ändert sich das. Nun sind es Redaktoren, Print- und Fernsehjournalisten. Mein zweites, neues Ziel neben der Literaturplattform Johntext ist eine unabhängige internationale Journalistenplattform für Schreibende aus aller Welt. Die Domain habe ich: Johntext.news. Und wieder habe ich dieses Ziel in mein Profil geschrieben.

Meine bisherige Erfahrung sagt mir, dass die meisten Kontakte auf Linkedin ihre Laufbahn auflisten. Sehr selten sehe ich ein Profil, in dem Ziele angegeben sind. Ich habe nur gute Erfahrungen damit gemacht.

Auf Linkedin traf ich wunderbare Menschen. Und ich geniesse diese Nähe zu entfernt Wohnenden, die andere Online-Plattformen gleichfalls erschaffen. Ich bin diszipliniert. Jederzeit kann ich den Account schliessen. Kontrolle ist mir wichtig. Ich bin noch im Stadium der Vernetzung. Im nächsten Schritt nutze ich das Netzwerk zur aktiven Stellensuche. Finanziell habe ich bislang weder etwas von Johntext noch von Linkedin. Beides wächst und ich freue mich daran. Geld ist nur ein Mass vieler Dinge.
 
Dieser Artikel wurde von mir auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Blatters Ballverlust

Blatters Ballverlust
Joseph S. Blatter vor der Weltpresse am Zürichberg
Corinne Blatter Andenmatten unterstützt ihren Vater Joseph S. Blatter.
 

Am 21. Dezember 2015 verteidigte sich Joseph S. Blatter an der Pressekonferenz am Zürichberg vor mehr als 70 Journalisten aus aller Welt. Eine Annäherung.

Die Übertragungswagen parkieren in langer Reihe. Einige Fotografen warten in der Vorhalle und auf der Strasse auf Blatter. Niemand weiss, ob er sich bereits im Gebäude befindet. Ich bin ein Frischling im Journalistenberuf. Und aufgeregt. Ein Interview mit Joseph S. Blatter nach der Pressekonferenz wäre toll. Ein älterer Herr schüttelt in der Vorhalle Hände. Er nennt die Journalisten beim Namen. Im schwarzen Anzug, mit blauem Hemd und rotgesprenkelter Krawatte strahlt er Autorität aus. Er verschafft mir Zugang. Blatters Berater Klaus J. Stöhlker.

Die Journalisten sitzen im Konferenzraum wie im Vorlesungssaal einer Universität. Ganz oben hinter den Fernsehkameras finde ich einen Sitzplatz.

Blatter kommt. Ein weisses Pflaster verdeckt einen Teil der rechten Wange. Blitzlichtgewitter. Er beginnt zu reden. Langsam, auf Englisch.

Ich stehe auf und drängle an den Fernsehkameras vorbei. Die Journalisten sitzen unter mir Notebook an Notebook und schreiben live über den Ticker. Ob sie spicken und voneinander abschreiben?

Der Fussball spielt an diesem Tag eine untergeordnete Rolle. Gleichwohl bringt Joseph S. Blatter seine Mission während 17 Jahren als Präsident der Fifa auf den Punkt: «Fussball bringt in diese verstörte Welt Emotionen und Hoffnung.» Er wirkt traurig und enttäuscht.
 
Suspendiert für acht Jahre

Danach wiederholt er, was am Morgen bekannt wurde: Die Ethikkommission der Fifa habe ihn für acht Jahre suspendiert. Er spricht über die Auswirkungen: Tochter und Enkelin gemobbt.

Joseph S. Blatter war 40 Jahre bei der Fifa. Die Fifa ist wie eine Familie für ihn. Nun ist er 79. Wieso tritt er nicht leise, vertraut auf den Rechtsweg, statt sich der Öffentlichkeit zu stellen?

Je länger der Walliser redet, umso kämpferischer wird er. Er verkündet, er werde gegen den Entscheid der Fifa vorgehen.

Wie um Himmels willen komme ich hierher? Über Fussball weiss ich nicht viel. Al Imfeld, 81, Autor, Religionswissenschaftler und Afrikakenner aus Zürich, erzählte mir während eines Interviews von Blatter. «Blatter setzte die Fussball-WM in Südafrika gegen alle Widerstände innerhalb der Fifa durch. Er wollte Afrikas Menschen über den Fussball Selbststolz zurückgeben. Das ist ihm gelungen.» Blatter sei von einem missionarischen Denken inspiriert, das im katholischen Wallis Tradition habe. Joseph S. Blatter als Missionar? Woran ist er dann gescheitert? Ich wurde neugierig. Bemühte mich um ein Interview mit dem suspendierten Fifa-Präsidenten. Vergeblich.

Jetzt bin ich hier. Einer von vielen.

Der Mann da vorne scheint keiner von den aalglatten Typen zu sein, die sonst die Karriereleiter besetzen. Er macht einen bodenständigen Eindruck. Klein, rund, gemütlich. Jetzt ist er im Verteidigungsmodus. Es geht nicht um die Wiederwahl. Er kämpft um den guten Namen.

Blatter surft auf der Geräuschkulisse der klickenden und surrenden Fotoapparate.

Ich gehe nach vorne und setze mich frech auf den Boden vor den Pressetisch. Ich möchte mir den Kerl aus der Nähe ansehen. Der Security-Mann lässt mich gewähren. Hinter mir tuscheln zwei Journalisten, was mir einfalle, mich dorthin zu setzen. Mehr trauen sie sich nicht. Live vor der Weltöffentlichkeit.

Blatter klagt die versammelten Journalisten an: «Sie waren zur Stelle, um den Fifa-Präsidenten zu verdammen: Er ist korrupt.» Und weiter: «Ich bin nicht verantwortlich für Menschen, die von anderen gewählt wurden.»
 
Holt er sich den Ball zurück?

Die «Weltwoche» hält ihn für den Schweizer des Jahres. Wladimir Putin würdig für den Friedensnobelpreis. Der «Tages-Anzeiger» titelt «Steile Karriere mit beispiellosem Absturz». Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn. Joseph S. Blatter polarisiert weltweit.

Blatters Tochter sitzt links neben ihm. Ab und zu sieht er zu ihr hinüber. Sie gibt ihm Halt. Er spricht über sich: «Ich bin ein Mensch mit Prinzipien. Ich bin angeklagt, Platini Geld gegeben zu haben für die Stimmen bei den Präsidentschaftswahlen 2011. Nein.»

Blatters Stimme versagt. Er ist aufgewühlt. Er wirkt nicht wie ein professioneller Redner. Rechts neben ihm sitzt Thomas Renggli. Er zeigt auf die Journalisten, die eine Frage stellen dürfen. Joseph S. Blatter hat ihn vorgestellt: «Thomas Renggli hält zu mir, und unter Ihnen gibt es vielleicht noch einen, der mich unterstützt.» Ich fühle mich angesprochen. Ich möchte die Geschichte schreiben. Die Geschichte von Joseph S. Blatter und der Fifa.

Joseph S. Blatter beantwortet Fragen. Dann geht er. Meine Poleposition vor Blatters Tisch hat wenig gebracht. Ich hatte eine Frage an Blatter. Ich kam nicht zum Zug.

Vor dem Konferenzraum warten Journalisten. Wird er Einzelinterviews geben? Keiner traut sich jetzt zu gehen. Später stellt sich heraus: Joseph S. Blatter ist längst abgefahren. Sein Berater Klaus J. Stöhlker nutzt die Zeit und gibt ein Interview nach dem anderen. Ich höre, wie er zu einem Journalisten sagt: «Blatter ist Fussballspieler. Er hat den Ball verloren und holt ihn sich wieder.»

Auch ich spreche mit Klaus J. Stöhlker – über Vernetzung im Beruf: «Gut gemeint genügt nicht»
 
http://www.johntext.ch
 
Joseph S. Blatter mit seiner Tochter Corinne vor der Weltpresse am Zürichberg

Joseph S. Blatter stellte sich der Weltpresse.

«Gut gemeint genügt nicht»

FOTO UND TEXT: Hans-Jürgen John
«Gut gemeint genügt nicht»
 

Klaus J. Stöhlker PR-Berater Zürich
Klaus J. Stöhlker rastlos im Einsatz für Joseph S. Blatter.
 
Klaus J. Stöhlker, 74, gab nach der Pressekonferenz über die Zukunft Blatters kurz vor Weihnachten ein paar Tipps für die Karriere.

Herr Stöhlker, Sie sind ein gefragter PR-Berater. Heute sind Sie mit Joseph S. Blatter vor der Weltpresse hier. Was raten Sie einem ehrgeizigen Menschen am Anfang seiner Berufslaufbahn?
Er oder sie muss sich in der heutigen globalisierten Welt ein genaues Ziel setzen, denn die Zahl guter Konkurrenten ist gross. Fleiss ist entscheidend, um in gute Positionen hineinzuwachsen. Je höher man steigt, desto mehr muss die Sozialkompetenz mitwachsen. Stabile familiäre Verhältnisse sind eine wesentliche Voraussetzung für den dauerhaften Vorstoss in die Führungselite.

Sie sind Spezialist für Vernetzung und Kommunikation. Wie haben Sie Ihr Netzwerk aufgebaut?
Seit meinem 14. Lebensjahr habe ich täglich mindestens zwei neue Menschen kennen gelernt. Viele sind dann später durch das Netz gefallen, laufend kommen neue hinzu. Mit ihnen wächst mein Wissen und ebenso die Zahl der Kontakte.

Wie sollen Netzwerke gepflegt und bei der Arbeitssuche genutzt werden? Was raten Sie Berufstätigen?
Wer Netzwerke für die Arbeitssuche nutzen will, muss wenige und starke Signale aussenden. Die Kunst, diese zu formulieren und darzustellen, will gelernt sein. Gut gemeint genügt nicht.

Was halten Sie von den Social-Media-Plattformen LinkedIn und Xing?
Wirklich anspruchsvolle Aufgaben erhält man kaum über die sozialen Netzwerke. LinkedIn und Xing können Anhaltspunkte oder Erstkontakte bieten, mehr aber auch nicht. In der Praxis ist ein einfacher Telefonanruf bei der richtigen Person oft der richtige Weg. Grosse Dossiers für den Erstkontakt sind meist eine noch grössere Verschwendung.

Sie sind 74 Jahre alt. Das Wort «Rentenalter» scheint ein Fremdwort für Sie zu sein.
Ein gebildeter Mensch geht nicht in Rente. Wo der Kopf das entscheidende Arbeitsinstrument ist, kann man dieses nicht in einem beliebigen Jahr abstellen. Der Sach- und Praxisintelligenz der Jugend kann ich eine ausserordentliche Erfahrung ergänzend zur Verfügung stellen. Ich rieche Risiken und Gefahr auf Kilometer im Voraus; ausserdem weiss ich sofort, ob ein Programm oder eine bestimmte Massnahme jene Durchschlagskraft hat, die man von ihr erwartet. Phantasie in der Jugend und Disziplin im Alter, das passt gut zusammen.
 
Dieser Artikel wurde am 23.12.2015 auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Wenn Manager schreiben

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John

Wenn Manager schreiben

Matthias Wiemeyer mit Tochter Julia, 2, und Sheltie Anouk in Laufen (BL).
Gruppenbild mit Hund: Matthias Wiemeyer mit Tochter Julia, 2, und Sheltie Anouk in Laufen (BL).
 

Matthias Wiemeyer, 51, startete als Betriebswirtschaftler, Philosoph und Germanist. Als Manager bei Grosskonzernen bewegte er viel Geld. Als Schreibschulleiter ist er in Laufen (BL) angekommen. Beruflich wie privat.

Er öffnet die Haustüre und lächelt. Sympathisch und jungenhaft. Gross ist er. Ein Zweimetermann.

Matthias Wiemeyer, Schreibschulleiter aus Laufen (BL), entschuldigt sich. Er durchquert mit raschen Schritten den Wohnbereich zum Arbeitszimmer. Ein Anrufer wartet in der Leitung. Ein kleines Mädchen mit goldblondem Haar kräht «Hallo» und stellt ihr Schaukelpferd als «Jacky» vor.

Matthias Wiemeyer studierte Betriebswirtschaftslehre, Philosophie und Germanistik und arbeitete als Banker und Unternehmensberater für internationale Konzerne. Eine Bilderbuchkarriere. Vor fünf Jahren machte er sich zusammen mit seiner Frau Petra selbständig. Sie übernahmen die kleine Schreibschule «Schreibszene». Deren Gründerin wollte wieder ganz als Autorin arbeiten.
 

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Schreibschule

Die «Schreibszene» in Laufen (BL) bietet literarische und journalistische Kurse an.

Der Schwerpunkt liegt beim Schreiben im Beruf. Vom «Diplom Online-Redakteur» bis zum «Texter mit eidgenössischem Fachausweis» stehen fünfzehn Kurse zur Wahl, die in kleinen Gruppen unterrichtet werden.

Rund ein Dutzend Kurse leiten zum literarischen Schreiben an, zum Beispiel «Kreatives Schreiben», «Über Reisen schreiben» und «Von der Idee zum Buch».

Individuelle Schulungen für Firmen, Behörden, Stiftungen und andere Organisationen bietet die «Schreibszene» auf Anfrage an.

www.schreibszene.ch

 

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Die Betriebswirtschaftslehre hat ihn ins Bankgeschäft gebracht. Doch dann hat irgendwann die Germanistik gewonnen und ihn zur Schreibschule geführt? «Ganz so sei das nicht gewesen», sagt er. Er habe nie so recht in die Grosskonzerne gepasst, weil er im Herzen immer Sinnsucher gewesen sei. «Ein Sinnsucher, der sich in der Tür geirrt hat.»

Er erzählt gerne von früher. Als eine Bürotür an der Zürcher Bahnhofstrasse seinen Namen trug. Und ein Schild: «Philosophische Ambulanz – hier werden Sinnfragen gestellt und beantwortet». Er lächelt wie ein Lausbub. «Ich hatte damals einen ganz normalen Job, in dem es vor allem um Zahlen ging.» Meist sehr grosse Zahlen, weil er im Geschäft mit Mergers & Acquisitions (M&A) tätig war, dem Handel mit Unternehmen und Unternehmensbeteiligungen. «Da waren alle schon zufrieden, wenn der Profit stimmte. Aber das hat mir nicht gereicht.»

Wer Sinnfragen zur Diskussion stellt, muss für eine klare Sprache sorgen. Das können in der Geschäftswelt nur wenige. Daher wurde er dauernd von Kollegen gebeten, beim Schreiben anspruchsvoller Texte zu helfen. So entstand das Hobby «Schreiben unterrichten», das heute sein Beruf ist.
 

Vom Schreiben zur Schreibschule

Wie der Zufall es wollte, stand einige Jahre später die kleine Schreibschule «Schreibszene» zum Verkauf – die perfekte Chance für ihn, den Beruf zu wechseln.

Vermisst er sein altes Managerleben? Mit einem Grosskonzern im Hintergrund, weltweiten Verbindungen und reichlich Geld, um etwas in Bewegung zu bringen? «Ich habe es immer genossen, in internationalen Unternehmen zu arbeiten. Zu Konferenzen trafen sich Leute aus allen Kontinenten. Dieses Netzwerk pflegte ich gern.» Matthias Wiemeyer schaut gedankenvoll zum Kaminofen hinüber. Eine Kiste Brennholz steht davor.

Er hält weiter Kontakt per E-Mail, da nun die Geschäftsreisen wegfallen. Es ist ganz klar: Diesen Teil seines alten Lebens vermisst er. «Du bekommst ein ganz anderes Verhältnis zum Blauen Planeten. Du kennst an vielen Orten Menschen, bei denen du willkommen bist», sagt er und schlägt die Beine übereinander. Vor dem Arbeitszimmer nässt der Rasensprenger das Grün. Der Hund folgt der Katze in die Küche.

Die Einrichtung ist gemütlich, aber nicht luxuriös. «Ich brauche Geld, um mich sicher zu fühlen. Deshalb lebe ich sparsam.» Matthias Wiemeyer fährt einen alten silbergrauen Ford. Geld für teure Markenware gibt er keines aus. Ferien in Fünf-Sterne-Hotels findet er überflüssig. Aber er ist kein Erbsenzähler. Er fühlt sich unwohl, wenn eine Autoreparatur, eine defekte Heizung oder ein Arztbesuch finanzielle Probleme schafft. Deshalb lebt er so, dass es dazu nicht kommt.
 

Glücklich selbständig?

Ob er den Wechsel in die Selbständigkeit bereue? «Ganz und gar nicht», versichert er schnell. «Ich hätte schon viel früher aussteigen sollen.»

«Da wird ja alle paar Jahre reorganisiert. Meist mit dem Ziel, ein paar tausend Leute abzubauen. Für den Vorstand ist das eine glatte Sache. Die Analysten freuen sich, wenn betriebswirtschaftlich mal so richtig aufgeräumt wird. Aber ich muss Mitarbeitende vor die Tür setzen, die ich noch vor wenigen Monaten mit der Aussicht auf eine tolle Karriere abgeworben habe.»

Er schüttelt den Kopf. In der Ferne wiehert ein Pferd. Die grossen blauen Augen schauen ernst. «Gute Führungskräfte sind doch irgendwie auch Vaterfiguren. Sie sagen ihren Mitarbeitenden: ‹Vertraut mir, ich sorge für euch.› Aber so kannst du gar nicht reden. Weil du genau weisst, dass dir beim nächsten Kurswechsel wieder die Fäden aus der Hand genommen werden. Dann hast du gar nicht mehr die Macht, deine Zusagen einzuhalten. Was sagst du einem Mitarbeiter, der ein Haus bauen will und fragt, ob sein Job bei dir sicher ist?»
 

Ein Buch soll aufrütteln

Kultur und Arbeitsklima in Grossunternehmen haben ihn lange beschäftigt. Nicht nur als betroffener Manager, sondern auch als Philosoph, der etwas verstehen will. Dazu hat er sich mit einem anderen Freigeist für ein Buchprojekt zusammengetan, «einem brillanten Physiker namens Gerhard Wohland». Daraus ist ihr Buch «Denkwerkzeuge der Höchstleister» entstanden (siehe Kasten). Die Katze verlässt geräuschlos die Küche. Der Hund folgt Richtung Haustüre.

 
Cover von Denkwerkzeuge der Höchstleister
 

Matthias Wiemeyer, Gerhard Wohland

Denkwerkzeuge der Höchstleister
Warum dynamikrobuste Unternehmen Marktdruck erzeugen

Unibuch Verlag, Lüneburg, 2012
228 Seiten, Fr. 48.90

ISBN 978-3-934900-11-0

 
 
 

Wozu ein Buch? Aus Lust am Schreiben? Nein. Eher als Therapie. Für sich selbst und für die Konzerne, die vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen.

Er braucht eine Tasse Kaffee. Als er zurückkommt, stellt er Fragen: «Wie kann es sein, dass eine Firma sich eine Kultur einhandelt, die keiner haben will? Auch die Vorstände nicht. Und die Mitarbeitenden schon gar nicht. Wie kann es sein, dass ein Unternehmen sich auf Raten zugrunde richtet, obwohl alle Beteiligten klug, engagiert und wohlwollend sind?»

Diese Fragen waren der Anstoss für das Buch. Er ist stolz auf dieses Buch. Es war ihm egal, was Kritiker, Universitätsprofessoren oder Managerkollegen davon halten würden. Er trat einfach ein paar Meter zurück und brachte auf den Punkt, was sein kritischer Geist jahrelang beobachtet hatte. «Ich wusste am Anfang wirklich nicht, worauf das Buch hinausläuft», erzählt er. «Ich habe das erst nach und nach durchschaut. Mit jedem Kapitel, das ich abschloss, war ich im Denken wieder einen Schritt weiter. Und das Feilen an der Sprache hat auch das Denken geklärt.»

Dann kam das Überraschende: Die Besprechungen waren geradezu euphorisch. Einer schrieb, und das gefiel ihm besonders: Das Buch sei «wie ein Getränkestand in der Wüste der Managementliteratur». Er strahlt. «Ein solches Kompliment und noch dazu so erfrischend und anschaulich formuliert – das traf mitten ins Herz.»

Das Schreiben faszinierte ihn, lange bevor er berufstätig war. Er schrieb als Teenager Gedichte – und verbrannte später alle. Sie waren ihm peinlich, und er ist heilfroh, dass er sie heute nicht noch einmal lesen muss.

Er macht einen rundum zufriedenen Eindruck in seinem neuen Leben. Gibt es denn heute nichts mehr, was ihm graue Haare bereitet? Er lacht und streicht sich über die Halbglatze.
 

Schreiben als Therapie

Das Schlimmste sei, sagt er sichtlich bedrückt, wenn ihm jemand ein Manuskript schicke und seine ehrliche Meinung dazu hören wolle. «Es gibt viele Menschen, deren Seele schier auseinanderspringt vor widersprüchlichen Gefühlen, Sehnsüchten und Hoffnungen. Sie benutzen das Schreiben, um in ihrem Inneren Ordnung zu schaffen. Oder wenigstens Waffenstillstand.»

Schreiben kann eine sehr wirksame Therapie sein. Davon ist Matthias Wiemeyer überzeugt. Solche Texte hätten unschätzbaren Wert für die Person, die sie geschrieben habe. Vielleicht auch für ihre Familie. Aber nur ganz selten hätten sie eine hohe literarische Qualität.

«Was soll ich tun, wenn so jemand eine ehrliche Meinung zu seinem Text verlangt?» Am liebsten würde er die Manuskripte nach ein paar Zeilen zur Seite legen. Er fühlt sich als Voyeur, wenn ein fremder Mensch die Abgründe seines Innenlebens vor ihm ausbreitet und seine ganze Hoffnung daran hängt, ein literarisches Lob zu erhalten. Aber wenn das gelogen wäre? Müsse er sich dann verstellen, oder schulde er dem Autor die Wahrheit? «In solchen Momenten wird mir ganz flau im Bauch.»

Er wünscht den sinnsuchend Schreibenden etwas mehr Unabhängigkeit von den Meinungen anderer: «Ihre Texte sind wichtig und wertvoll – auch wenn sie nicht zur Literatur taugen. Gedanken und Gefühle können im Text aus der Distanz betrachtet werden. Der Teil von dir, der reflektiert, betrachtet den Teil von dir, der gelitten hat.» Das öffne den Blick für Zusammenhänge, die der hoffnungslos verstrickte Mensch sonst gar nicht wahrnehme. «Wer das lange genug macht und Texte fabriziert, die diesen Prozess dokumentieren, schliesst irgendwann Frieden mit sich selbst», ist er überzeugt. «Und nach dem Friedensvertrag findet der Mensch dann eine Geschichte in sich, die ich mit Freude lesen würde.»

Leiter der Schreibschule Schreibszene Matthias Wiemeyer

«Ernsthafte Konkurrenz hat die Schreibschule wenig», sagt Matthias Wiemeyer. Er strahlt und hebt die Stimme an dieser Stelle. Seine Frau Petra, die teils am Computer E-Mails beantwortet, teils mit Tochter Julia in der Küche hantiert, soll auch hören, was er erzählt. Da sei seine Frau Petra, die all das könne, was er nicht könne. Manchmal sei er etwas neidisch auf sie. Aber wenn er genau hinsehe, wisse er: «Dass wir so verschieden sind, ist für unsere kleine Firma ein grosses Glück. Als wir das akzeptiert hatten, teilten wir die Arbeit entsprechend auf und liessen den anderen machen. Ab da lief es prima.»

Beide legen in der Schreibschule Wert auf persönliche Beratung. «Bei uns können Interessierte auch abends und am Wochenende anrufen, wenn sie wissen wollen, welcher Kurs vielleicht zu ihnen passt.» Das sei für die Interessenten ein grosser Vorteil. Denn viele machten eine Ausbildung als Online-Redakteur oder Werbetexter, weil ihnen im alten Job die Decke auf den Kopf falle. «Das muss der Chef ja nicht unbedingt mithören.»

Manchmal rät er auch ab. «Wir wollen nur zufriedene Kunden. Daher klären wir vorher genau ab, was die Teilnehmer erwarten und ob wir die richtige Schule sind. Wir haben auch schon andere Anbieter empfohlen. Zum Beispiel die Schweizer Journalistenschule (MAZ) in Luzern oder Privatkurse einzelner Schriftsteller.»

Er ist stolz darauf, dass Teilnehmende seine Schreibschule weiterempfehlen. «Davon leben wir. Für teure Werbung fehlt uns das Geld. Da müssen wir unsere Kursteilnehmer einspannen.»

 

Dieser Artikel wurde am 30.11.2015 auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Karrieredating an der Universität

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John
Karrieredating an der Universität
Blick aufs Spielfeld «Karriereleiter» an der Uni Basel

Studierende an der Universität Basel würfeln sich beim Event «Karriereleiter» ins Ziel.

 

Karrieredating an der Universität

«Karriereleiter», «Job-Orakel» und «Karriere-Yoga». Mit diesen und vielen anderen Events lockte die Universität Basel zur «Langen Nacht der Karriere» am 12. November. Zeitgleich mit 11 weiteren Schweizer Universitäten.

Birgit Müller leitet das Career Service Center (CSC)Birgit Müller leitet das Career Service Center (CSC). Es unterstützt Studierende in allen Fragen des Berufseinstiegs. Sie findet die Abendstunden ideal für das Business-Meeting. «Die Veranstaltung hat sich letztes Jahr bewährt. Sowohl die Firmen als auch die Studierenden waren begeistert.»

Die Voraussetzung dafür, dass es zu einer Neuauflage kam. Wie kam es zur «Langen Nacht der Karriere»? Für Birgit Müller ist das nur folgerichtig. «Es gibt ja auch die Lange Nacht der Museen. Für den Start der Karriere musste es etwas Ähnliches geben – und zwar bevor die Studenten ihr Studium abgeschlossen haben. Dann wäre es zu spät.»

Bewusst gebe es keine Anmeldung. Birgit Müller sieht Chancen auch anderswo. «Spielerisch kommen die Teilnehmenden miteinander ins Gespräch. Je tiefer die Schranken, umso grösser die Zahl der Teilnehmenden.» Die Türe zu ihrem Büro in der ersten Etage des Kollegienhauses am Petersplatz ist weit geöffnet. Studierende kommen und gehen. Sie haben sich für Mithilfe und Organisation gemeldet und updaten Birgit Müller zum Stand der einzelnen Veranstaltungen.

Studierende und Unternehmen kommen zusammen. In der Regel. Wenn alles gut läuft. Die einen als Arbeitnehmer und die anderen als Arbeitgeber. Es ist nur eine Frage der Zeit. Womöglich für lebenslänglich. Klar, dass es vorher Schnuppereinheiten geben muss.

Die einen nennen es Praktikum, wenn die Studierenden in die Firmen oder die Verwaltungen gehen. Die anderen «Lange Nacht der Karriere», wenn die Firmen und die Bundesverwaltung an die Unis kommen. Beide Seiten dürfen sich vorher kennenlernen und erfahren, worauf die eine bei der anderen Wert legt.

Die Veranstaltungen sind kurz gehalten. So können die Studierenden herauspicken, was sie weiterbringt. Und die Firmen in den Abend mehrere Vorträge und Events packen.
 

Entspannt ins Fotoshooting

Der Kurs «Karriere-Yoga» mit Nicole Mathys verspricht Konzentration und Kraft. Und beschert gute Laune. Die Studierenden gruppieren sich um die diplomierte Yogalehrerin. Mit beiden Handflächen vor der Brust gegeneinander gelegt und dem rechten Fuss gegen die Innenseite des Knies gestützt, ringen mehrere um das Gleichgewicht. Gar so manche Teilnehmenden prusten los. Zu komisch ist der Anblick.

Wollten Sie schon immer mal wissen, in welchem Beruf Sie landen? Das «Job-Orakel» erlaubt einen Blick in die Zukunft. Ein Notebook steht bereit. Nach Eingabe des Namens erscheint die Berufsbezeichnung. Volltreffer. So genau wollte ich das nun wirklich nicht wissen. Sicher ein Zufall. Ich nehme einen zweiten Anlauf. Dieses Mal gebe ich den Namen eines genialen Freundes ein. Im Display des Notebooks erscheint: Nobelpreisträger. Ich nicke innerlich. Das könnte ihm zustossen. Jetzt ist es Zeit, abzubrechen. Sonst werde ich noch abergläubisch.

Die «Karriereleiter» erinnert an das Spielfeld von «Mensch ärgere Dich nicht». Zuerst wird erwürfelt, ob die Teilnehmenden als Mann oder als Frau mitspielen möchten. Dann wird weitergewürfelt, und die Zahl entscheidet, um wie viele Spielfelder vorgerückt werden darf.

Wie im richtigen Berufsleben gibt es Stationen mit der Aufforderung «Zurück an den Start». Und von neuem beginnt das Spiel um Erfolg oder Reset. Die Teilnehmenden haben ihr Schicksal in der Hand. Der Würfel als Symbol für Wagnis und Risiko zeigt, dass etliche Faktoren im Berufsleben ausserhalb der Kontrolle der Berufsanfänger liegen.

Die gute Nachricht: Trotz allfälliger Rückschläge kommt jeder Teilnehmende mit Geduld ins Ziel. Sowohl auf dem Spielfeld wie im richtigen Leben.

Am längsten ist die Wartezeit beim Bewerbungsfotoshooting. Das liegt an der Prozedur an sich und der grossen Nachfrage. In langer Reihe stehen gestylte Studierende an und nutzen das kostenlose Angebot.

Foto von Laura Di Raimondo

Laura Di Raimondo setzt sich ins Bild. Über Bewerbungsstrategien und Arbeitgeber.
 

Hat es etwas gebracht?

Inmitten ihrer Freundinnen treffe ich Laura Di Raimondo, 25. Sie studiert Sozialwirtschaftspsychologie im letzten Mastersemester. Und sucht den Einstieg in die Gesundheitsförderung. Gegen 22 Uhr ist sie sich sicher: «Es ist toll. Dass so viele Firmen an die Universität Basel kommen. Die Tipps zu Bewerbungsbrief und Lebenslauf sind praktisch. Und die Infostände der Firmen und der Bundesverwaltung haben mir sehr geholfen.» Sie werde zweigleisig fahren und sich sowohl in Betrieben als auch bei der Bundesverwaltung bewerben.
 

Wenn Umwege ins Ziel führen

Wie kam sie auf ihr Studienfach Sozialwirtschaftspsychologie? Ein Buch brachte sie zunächst auf die Idee, Werbepsychologie zu studieren. «Ich fand die Vorstellung, hinter Handlungen von Menschen zu schauen, faszinierend.» Ihr Blick geht in die Ferne. «Menschen interessieren mich sehr. Wie treffen sie Entscheidungen? Aus welchen Gründen? Wie können Handlungen vorhergesehen oder beeinflusst werden?»

Wieso wechselte sie den Studienschwerpunkt? «Ich nahm an einem Seminar Gesundheitspsychologie teil. Und war begeistert. Die Ansätze, Verhalten zu beeinflussen, möchte ich nutzen und Menschen helfen, gesünder und besser zu leben.»
 

Alle Möglichkeiten nutzen

Laura Di Raimondo strahlt. Sozialwirtschaftspsychologie ist das Studienfach, das ihrem Leben Sinn und Richtung gibt. Im nächsten Schritt informierte sie sich über damit verbundene Jobprofile. Und wurde fündig. Betriebliches Gesundheitsmanagement, Gesundheitsförderung und Suchtprävention sind mögliche Betätigungsfelder für sie. «Ich besuche viele Messen und Veranstaltungen. Das Career Service Center der Universität Basel und die Firma together AG helfen und stellen den Kontakt zu Firmen her.»

Was ist betriebliches Gesundheitsmanagement? Laura Di Raimondo lacht. «Die wenigsten können sich darunter etwas vorstellen. Grosskonzerne bieten Mitarbeitenden Ernährungsberatung und Fitnessangebote. Die werden meist von denen wahrgenommen, die sowieso gesund leben.» Ausserdem gebe es externe Firmen wie die makora AG in Zürich, die Befragungen der Mitarbeitenden anbieten. Der Arbeitgeber erhalte das Zahlenmaterial anonymisiert und sehe zum Beispiel, wie viele Mitarbeitende Burnout-gefährdet seien oder Rückenprobleme hätten. So könne er gegensteuern. Zum Beispiel, indem er der externen Firma den Auftrag gebe, sich um die betroffenen Mitarbeitenden zu kümmern. «Unter dem Strich rechnet sich das für die Arbeitgeber», sagt Laura Di Raimondo.

Sie sieht optimistisch in ihre berufliche Zukunft. Und wird das «Job-Orakel» bei der nächsten «Langen Nacht der Karriere» am 10. November 2016 testen. Wenn sie es dann noch braucht.
 

Dieser Artikel wurde am 26.11.2015 auf www.derarbeitsmarkt.ch veröffentlicht.

Al Imfeld – Mein Tag als Autor

FOTOS UND TEXT: Hans-Jürgen John

Al Imfeld, Autor und Journalist, in seinem Arbeitszimmer
Der Publizist und Religionswissenschaftler Al Imfeld an seinem Arbeitsplatz im Unruhestand.

«Von meinen fast 50 Büchern liegt mir immer das letzte sehr am Herzen. Im Januar veröffentlichte ich ‹Afrika im Gedicht›. Poesie, die afrikanische Autoren zwischen 1964 und 2014 schufen.

Früher stand ich regelmässig um sechs Uhr auf. Heute begann ich den Tag mit einer Tasse Kaffee um halb acht. Ich schrieb an einem Text für die Arthur Waser Stiftung in meiner Funktion als beratendes Mitglied für Afrikafragen.

Als Einstimmung in den Tag und zur Mobilisierung des Gehirns lese ich drei Tageszeitungen. Dabei kommen mir Ideen. Mein Thema ist das Leiden der Menschen in dieser Welt. Das treibt mich um und an. Ich kann einfach nicht fassen, dass es so viel Elend in dieser Welt gibt. Warum nehmen die Menschen ihr Schicksal nicht in die Hand? Kein Gott und kein Teufel schickt ihnen Prüfungen. Sie selbst sind verantwortlich für ihr Handeln.

Ich habe Freude am Schreiben. Gleichzeitig ist es ein grosser Frust. Ich denke oft, Musiker seien besser dran. Sie können mit ihren Tönen alles machen. Wir Autoren haben Wörter. Das Wort ist eine enorme Begrenzung und Einschränkung. Dichter, die multidimensional denken, legen in ein Wort mehrere Bedeutungen hinein. Doch was konkret verstehen dann die Lesenden?

Früher war ich oft zwischen Zürich und Genf in der Bahn unterwegs. Die Geräuschkulisse hilft mir beim Schreiben. Ruhe stört mich. Menschen, die debattieren und diskutieren, regen mich an.

Ich arbeite nie an einem Werk allein. Ausser es ist so umfangreich wie meine afrikanische Gedichtanthologie. Als die Anthologie mit mehr als 550 Gedichten veröffentlicht war, dachte ich: ‹Jetzt kann ich von mir aus sterben.› Aber ich bin noch am Leben. Also mache ich weiter.

Derzeit arbeite ich in einem Sachbuch das Modell einer afrikanischen Stadt heraus. Einer Stadt, die ihren Bewohnern Nahrung und Lebensqualität bietet. Das Elend ist heute so gross in Afrika, dass ich das anstossen muss. Ich bin unter anderem Tropenlandwirt. An diesem Projekt der afrikanischen Stadt arbeite ich seit den 90er-Jahren. Mein Netzwerk dafür umfasste 33 Fakultäten, Forschungsbereiche von der Geologie bis zur Paläontologie, und reichte von Brasilien bis Japan.

Es ist wahnsinnig wichtig, dass sich Menschen vernetzen und austauschen. Wir erreichen nicht viel, wenn jeder in seinem Gehäuse bleibt. Deshalb öffne ich meine Wohnung an der Konradstrasse 23 in Zürich jeden Mittwoch und Samstag für Diskussionen. Alle sind willkommen. Ich nenne es ‹offenes Haus› oder ‹Businesslunch›. Früher wurde ich ausgelacht, weil ich mehrere Abschlüsse habe: ‹Ja, bist du jetzt Religionswissenschaftler, Entwicklungssoziologe, Tropenlandwirt oder Journalist?› Bist du Journalist, glaubt dir sowieso niemand etwas. Mit Neugierde über den Tellerrand des eigenen Fachbereichs schauen, das belebt die Menschen. Das ist der Sinn des ‹offenen Hauses›.

Ausserdem bereite ich einen weiteren Gedichtband vor. Er wird zu meinem Geburtstag Anfang des kommenden Jahres erscheinen. Ich arbeite zusammen mit zwei Fotografen und einem Grafiker daran. Es sind Mandalagedichte. Die Idee geht zurück auf meine Zeit in Japan. An der Tokyo International University hielt ich glücklicherweise zweimal in meinem Leben Vorlesungen über Religionswissenschaft.

Ich bin Schweizer. Auch juristisch gesehen. Aber ich habe genauso etwas von den afrikanischen Ländern in mir und vom japanischen Buddhismus. Ich kann niemals Nationalist sein. Ich reise zu meinen Freunden in Vietnam und fühle mich dort ebenso zu Hause. Heimat ist für mich eine Form von Neugierde. Aber Neugierde – da kommt sofort die andere Seite dazu – ist natürlich etwas, was dich sehr einsam machen kann. Du erfährst so viel, dass du es fast nicht erträgst.

Wenn ich religionswissenschaftlich-theologisch forsche, bin ich mit Wissen mitunter anderen voraus. Ich provoziere Leute, um sie mit Fragen aus dem Schlaf zu wecken: ‹Wie könnt ihr an einen Gott glauben, der die Bösen machen lässt und die Guten, Einfachen verrecken lässt? Will das dieser Gott? Ist das der Sinn der Schöpfung gewesen?› Da kommst du rasch an Tabus heran: ‹Seid ihr selbst der Gott?› Ich frage immer weiter. Das ist schliesslich der Sinn eines wachen Geistes.

Ich könnte frech sagen: ‹Ich habe meine Ziele erreicht.› Ich bin eigentlich ein glücklicher Mensch. Ich nehme noch, was kommt.»

Al Imfeld in seinem Archiv in Zürich in der Konradstrasse

Als Autor und Tropenlandwirt recherchiert Al Imfeld für sein Projekt im Archiv.

Dieser Artikel wurde von mir auf dem Online-Portal Der Arbeitsmarkt veröffentlicht:
http://derarbeitsmarkt.ch/de/portraet/mein-tag-als-autor

Kay Melliger – Der Springreiter

Kay Melliger mit Centurio und Escada
Leckerlis erhalten die Freundschaft. Kay Melliger zwischen Centurio (links) und Escada.

Kay Melliger, 16, wurde die Laufbahn als Springreiter in die Wiege gelegt. Wie sein Vater, Springreitlegende Willi Melliger, vertraut er auf sein Können und das Pferd bei der rasanten Jagd über die Hindernisse.

Hast du ein Morgenritual?
Ich stehe um halb sieben auf. Meine Mutter weckt mich. Als Erstes schaue ich nach den Pferden. Ich muss mich vergewissern, dass es ihnen gut geht. Das ist mir sehr wichtig. Manchmal legen sie sich ungeschickt hin, mit den Hufen nah an der Stallwand, und kommen morgens nicht hoch. Sie geraten dann in Panik. Ist alles in Ordnung, gehe ich beruhigt frühstücken. Eine heisse Schokolade bringt mich in Schwung.

Was beinhaltet dein Job?
Kurz gesagt: trainieren, um bei Springreitturnieren auf den vorderen Plätzen dabei zu sein. In vielen Sportarten ist der Mensch der Athlet. Seine Leistung entscheidet allein über den Sieg. Beim Springreiten brauche ich das Pferd als Partner. Mensch und Tier müssen das Gleiche wollen: den Nullfehlerritt über die Hindernisse in der schnellsten Zeit. Mein Sieg ist immer Teamwork. Das Pferd gibt alles, wenn wir harmonieren. Gar so manches Spitzenpferd verschwand aus den Platzierungen, als der Reiter wechselte. Vormittags besuche ich die Sportschule Minerva in Zürich. Nachmittags reite und trainiere ich bis 17 Uhr. An den Wochenenden sind wir meist an Springreitturnieren.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit du deine Arbeit gerne machst?
Meine Pferde und ich müssen gesund sein. Wenn sie zwäg sind, bin ich glücklich. Privat muss alles stimmen. Finanzielle Sicherheit durch meine Familie und Sponsoren gibt mir die nötige Nervenstärke beim Wettkampf.

Wie wichtig ist dir der private Ausgleich?
Ich setze meinen Schwerpunkt beruflich. Zeitlich und inhaltlich richte ich mein Leben danach aus. Das beginnt beim Tagesablauf und setzt sich in der Wochenendplanung fort. Gleichwohl gehe ich gerne mit meiner Freundin zusammen in den Ausgang. Gespräche mit ihr und meiner Familie sind mir wichtig und bauen mich auf. Das private Umfeld ist wie ein Rahmen und Voraussetzung für den beruflichen Erfolg. Meine Familie gibt mir Rückhalt und ermöglicht mir diesen Beruf. Ohne sie wäre mein Weg wohl ein anderer.

Hast du einen Tipp für gute Laune bei der Arbeit?
Musik hören bringt mir und meinen Freunden gute Stimmung. Wo dies nicht immer möglich ist, denke ich einfach an etwas Positives oder Schönes, zum Beispiel an ein freies Wochenende oder den Ausgang, und schon scheint die Sonne wieder.

Centurio und Kay Melliger beim Training in Neuendorf.
Centurio und Kay Melliger beim Training in Neuendorf.

Dieser Artikel wurde von mir auf dem Online-Portal Der Arbeitsmarkt veröffentlicht:
http://derarbeitsmarkt.ch/de/interview/der-springreiter

Wie Sie sich zum Journalisten bilden

Wie Sie sich zum Journalisten bilden.

Aus Liebe zum Beruf und um im Sattel zu bleiben.

 

Sie sind Journalist?

Oder Sie wären gerne einer?

Willkommen im Club.

Wenn Sie Ihren Beruf weiter ausüben können oder als Quereinsteiger die Tür zur Redaktion aufdrücken sind Sie glücklich, nicht wahr?

Foto von einer Redaktionstür

Nur wenige Zentimeter Holz trennen Sie von Ihrem Wunschberuf in der Redaktion. Oder sind es andere Faktoren?

Und die, die schon seit Jahren drinnen sind? Allen ist gemeinsam: Sie arbeiten hart dafür zu schreiben. Und wie kommen die einen rein und wie bleiben die anderen drinnen?

Wie Sie sich zum Journalisten bilden – ist absichtlich aktiv formuliert. Mit einer Ausbildung ist es kaum getan. Sie sind neugierig und verbessern stetig Ihre Fähigkeiten.

In dem folgenden Artikel möchte ich Ihnen mitteilen, wie Sie beruflich in diesen Sattel kommen – und dort bleiben.

Im September beendete ich die Ausbildung zum Diplom Online-Redakteur in einem Kurs mit 12 Teilnehmenden – immer samstags in Zürich.

#0 Sie schreiben so gut, dass

  • Ihre Artikel unverändert in Druck gehen?
  • Tausende Likes und Shares Ihnen online applaudieren?

Fazit: —> Sie sind genial, ein Naturtalent und sparen sich die Zeit für diesen Artikel.

 

#1 Benimm

Ja, jetzt holt er aber weit aus, werden Sie sagen.

Klar schreiben Sie Ihren Artikel – nachdem Sie recherchiert haben.

Wo? In der Öffentlichkeit und unter den Augen der Öffentlichkeit.

  • Wussten Sie, wie Frau und Mann auf dem Gehweg unterwegs sind? Und wie ist es bei offiziellen Anlässen? Geht der Mann oder die Frau rechts?
  • Und auf der Treppe? Soll die Frau vorangehen oder der Mann? Gleichermassen treppauf wie treppab?
  • Wie begrüssen Sie eine Gruppe? In welcher Reihenfolge? Auf Zuruf oder persönlich mit Handschlag? Alle der Reihe nach oder den ausländischen Gast zuerst?
  • Was antworten Sie auf Danke?
  • Wie begrüssen Sie Menschen, wenn Sie selbst erkältet sind?
  • Welche Themen wählen Sie zum Einstieg in ein Gespräch? Welche Fragen sind absolut tabu?
  • Wann tauschen Sie Visitenkarten bei Geschäftstreffen? Und wer zückt seine Karte zuerst?

Und die Antworten darauf? Wissen Sie längst – oder werden Sie finden, wenn Ihnen Ihr Job wichtig ist.

Fazit: Die Welt des Journalisten besteht aus mehr als dem Ton der Höflichkeit, Pünktlichkeit, den Visitenkarten und Regeln.

 

#2 Zeit

Die Zeit spielt in Ihrem Beruf die Ampel. Deadlines für die Abgabe Ihrer Artikel werden Ihnen vorgegeben. Oder Sie setzen sie sich selbst.

Nachrichten und Wissen sind Ihre Welt. Sie denken es längst:

  • Der Zeitungsmarkt ist im Wandel.
  • Die Printmedien verlieren Leser.
  • Magazine reduzieren die Auflage oder lassen sich aufkaufen.
  • Lesende informieren sich anderweitig und schaffen Arbeitsplätze, die bei den Online-Medien entstehen.

Kein Problem, werden Sie sagen. Gute Journalisten werden immer gebraucht. Eben doch – ein kleines Erkenntnisproblem. Springt Ihre Ampel auf rot?

 

 

Foto von drei roten Ampeln

 

Grafik: Bundesamt für Statistik – Rückgang der Titel und Auflage von Kaufzeitungen

 

Screenshot der Titel und Auflagen Printmedien Bundesamt für Statistik Schweiz

 

Die Anzahl der Titel, als auch die Auflagenhöhe ist zurückgegangen. Ein Trend, der sich fortsetzen wird.

Wohin also mit Ihnen und vielen anderen Journalisten?

Bilden Sie sich weiter. Stellen Sie Ihre Ampel auf grün.

 

Foto von drei Ampeln

 

Sie befinden sich in bester Gesellschaft. Bereits 2009 stellte das Bundesamt für Statistik (Schweiz) fest: Im Befragungsjahr 2009 nahmen 80% der 25 – 64-jährigen Personen im Zeitraum von zwölf Monaten vor der Erhebung an mindestens einer Weiterbildungsaktivität teil (Quelle: Arbeitskräfteerhebung 2009).

 

Falls es hart auf hart kommt: Fast jede KMU in der Schweiz hat eine Webseite. Sie ist das Online-Aushängeschild und die Visitenkarte des Unternehmens. Es hat sich bereits herumgesprochen: Eine Webseite, die gut bei Google ranken möchte braucht spannende Inhalte. Content, der über eine blosse Firmenbeschreibung weit hinausgeht.

 

Journalisten mit der Zusatz-Ausbildung Diplom Online-Redakteur entsprechen dem Berufsbild des Content Manager. Sie füllen sowohl Firmen-Webseiten als auch Online-Zeitungen professionell mit Inhalten. Und teilen diese Inhalte (Text, Bild Grafik, Video…) über Social Media (Linkedin, Facebook, Twitter, Youtube, … ).

 

#3 Planung

Okay, Sie haben zugewartet. Nun wird es ernst. Sie sind in Gesellschaft. Sie haben versucht, die Sache auszusitzen? Sogar erfolgreiche Politiker – Kanzler und Präsidenten sitzen neben Ihnen in der Reihe derer, die dies versuchen.

Analysieren wir das Problem. Die Zeit haben wir nun.

Es gibt Verhaltensweisen aus der Tier- und Pflanzenwelt, die sich über Jahrmillionen immer wieder bewährt haben. Und die zur Erhaltung der Art beitragen. Den Menschen geht es ebenso. Ihnen wie mir. Wir kopieren Verhaltensweisen, die Erfolg versprechen. Wir filtern die Vergangenheit für die Gegenwart. Und wir lernen aus Erfahrung und von Lehrern.

 

Wie tief gründen Ihre Wurzeln? Wem wollen Sie hier danken?

  • Wissen Sie, wieso Alexander der Große so erfolgreich war? Er hatte einen Mentor: Aristoteles (384 v. Chr. – 322 v. Chr.) einer der bekanntesten und einflussreichsten Philosophen der Geschichte.
  • Wissen Sie, wieso Aristoteles so erfolgreich war? Er lernte von Platon (427 v. Chr. – 347 v. Chr.).
  • Wissen Sie, wieso Platon so erfolgreich war? Sokrates (469 v. Chr. – 399 v. Chr.) kümmerte sich um ihn.

Wissen Sie, wieso Sie so erfolgreich sind oder werden? Ihr Coach existiert gleich mehrmals. Schauen Sie sich um.

 

Welcher erfolgreiche Zeitgenosse leitet uns durch sein Beispiel?

Kennen Sie Martin Suter, den bekannten Buchautor? Er hat als Werbetexter angefangen. Ein Buch nach dem anderen wird verfilmt. Haben Sie Montecristo gelesen, sein neuestes Werk? Einfach wunderbar.

 

Thomas Meyer, Texter und Schweizer Autor, debütierte 2012 mit dem Roman Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2012 und 46 Wochen auf der offiziellen Schweizer Bestenliste – das ist doch was, oder?

 

Auch Domenico Blass fing als Werbetexter an. Seit 2008 ist er Headwriter der wöchentlichen Late Night Show „Giacobbo/Müller“. Seit 1995 arbeitet er als Autor für Bühne, Film und Fernsehen mit Schwerpunkt Sitcom, Komödie und Satire.

 

Daniel Portmann ist Texter aus Passion. Gute Arbeit schafft zufriedene Kunden. Das spricht sich herum. Die NZZ weiss zu berichten, dass er morgens zwischen sieben und acht seine Runden im Oltner Schwimmbad dreht: Olten ist nicht Oerlikon.

Anzutreffen ist er auch auf textmann.ch. Hier mehr geschäftlich.

 

So eine Texter-Ausbildung scheint eine gute Grundlage zu sein. So wie ein Fundament für ein Haus.

Noch einmal in eine Ausbildung? Ich höre Sie protestieren. Sind Sie bereits Texter müssen Sie natürlich nicht. Sind die Raten für das Haus abgezahlt und die Ausbildungen der Kinder machbar? Ist Ihre Rente sicher? Dann würde ich den Samstag lieber zum Relaxen nutzen.

 

Der Textverband Schweiz gibt Ihnen eine Entscheidungshilfe. Die Honorarsätze für Texter lesen sich vielversprechend.

Screenshot der Honorarsätze für Texter vom Textverband Schweiz

Quelle: http://textverband.ch/service/marktmonitor/marktmonitor.html

 

So eine Weiterbildung zum Texter geht ein paar Monate – immer samstags. Der Kurs wird mit dem eidgenössischen Fachausweis belohnt. Ende November startet einer bei der Schreibszene GmbH. Die Höchstzahl der Teilnehmenden liegt bei 12.

 

1.) Die Regeln fürs Schreiben sind für alle gleich. Oder?

Journalisten bei den Online Medien schreiben anders.

Online-Redakteure bedienen eine Klientel, die sich immer weniger Zeit zum Lesen nimmt. Sie kennen beide Tätigkeitsbereiche: New Fashion und Old Fashion. Nach Old-Fashion-Manier war die Arbeit des Redakteurs mit dem druckbereiten Artikel beendet.

New Fashion bedeutet:

  • Die Nachricht über Ihren Artikel verbreiten Sie sekundenschnell über mehrere Social Media Plattformen gleichzeitig – mit einem einzigen Account.
  • Sie beantworten die Kommentare zum Artikel.
  • Newsletter informieren Ihre Lesenden über Trends und Aktuelles.
  • Mit verschiedenen Tools starten Sie in die Markforschung.
  • Wer hat Ihren Artikel angeklickt?
  • Welche Ihrer Artikel haben die meisten Leser? Sie versuchen herauszufinden wieso.
    Und entwickeln und verbessern so Ihre Schreibe laufend.
  • Wie lange verweilen Leser auf der Webseite?
  • Ist die Webseite für Suchmaschinen wie Google optimiert?
  • Darf es noch etwas Marketing mit Adwords sein?

Als Online-Redakteur sind Sie Autor, Marktforscher und Marketing Stratege in Personalunion.

Ja was soll es denn jetzt sein? Die Ausbildung zum Texter oder die zum Online-Redakteur?

Das müssen Sie entscheiden.

Meine Weiterbildung zum Online-Redakteur ist seit September beendet und ich kann darüber hier berichten.

 

2.) Nur ein Allrounder kann es richten.

In der Schweiz begegnete mir zum ersten Mal der Begriff Allrounder im Berufsalltag. Die Politiker machen es uns vor. Schriftsteller, Unternehmer und Landwirte finden sich unter den Volksvertretern.

Was verstehen Sie unter Allrounder? Hört sich doch toll an, sowohl für Stellensuchende als auch für Personalchefs.

Was ist das?

Ein Fotograf und Journalist? Fotoreporter.

Kameramann und Reporter? Videojournalist

Autor, Marktforscher und Marketing Stratege? Online-Redakteur

Ein Online-Redakteur schreibt, entwickelt Content Strategien und übt sich in Content Marketing. Die Personalunion der Kompetenzen rechnet sich in Personalkosten günstiger. Für die Unternehmer.

Fazit: Weiterbildung ist angesagt, um auf dem Arbeitsmarkt die Ampel auf grün zu stellen. Der Trend geht in den Schreibberufen zum Allrounder.

Doch Vorsicht. Ohne Gründe zieht es so viele ausländische Firmen kaum in das Steuerparadies Schweiz. Die Steuern mögen ein Grund sein – die Qualität der Mitarbeitenden ein weiterer schwerer.

Haben Sie einmal versucht, sich ohne Diplome zu bewerben? Gute Zeugnisse gibt es zuhauf. Kenntnisse, erworben im Selbststudium, zählen nicht. Der Nachweis Ihrer Fähigkeiten gibt den Ausschlag.

Im April startete ich mit der Weiterbildung zum Diplom Online-Redakteur bei der Schreibszene GmbH – immer samstags.

Im September endete die Schulung.

Ich traf interessante Menschen aus den Schreib- und Medienberufen.

Und Dozenten, die die theoretische und praktische Seite ihrer Vortrags-Themen täglich im eigenen Beruf und Unternehmen testen. Eine wundervolle Erfahrung.

 

4# Inhalt

1.) Die Sache mit der Selbsteinschätzung.

Geht es Ihnen auch so? Ich dachte, ich könne schreiben. Die Welt hätte mich nur noch nicht entdeckt. Also holte ich die Welt auf meine Webseite. Johntext.de. Für mich sind Autoren und Lesende die Welt.

 

Screenshot of Website Johntext

 

Das mit dem Schreiben musste ich neu lernen. Bei Rinaldo Dieziger zum Beispiel. Er ist „Chef vom Ganzen“ bei der Supertext AG. 600 Texter, Autoren … und 3.500 Kunden im In- und Ausland können nicht irren. Und die Schreibszene GmbH auch nicht. Dort ist er Dozent.

Seitdem lebe und liebe ich Newsletter.

 

Wenn ich an Gurus denke, sehe ich Bernadette Bisculm. Vor meinem geistigen Auge. Den Social Media Guru. Sie berät Kunden. Und begleitet sie von der Analyse, der Strategie bis zum Marketing über bisculm.com.

Zwei Tage von Ihrem Wissen im Kurs zum Online-Redakteur profitieren? Ich tat es.

Ich berichtete ihr stolz wie Oskar im Seminar über Linkedin. Wie ich die beruflichen Kontakte im August von 300 auf 3.500 gesteigert habe – jetzt sind es 4.8 K +. Und das mit einem kostenlosen Account bei Linkedin.

Das Ende der Fahnenstange ist lange nicht erreicht. Einige meiner Kontakte haben selbst 30.000 und manche über 50.000 wertvolle Connections. Wieso wertvoll? Mit den Kontakten bekommen Sie auch die Kontaktdaten. Sie bauen im Laufe der Monate ein weltweites Netz. Und das ganz ohne die Fähigkeiten von Spiderman. 🙂

Screenshot of Profile Views at Linkedin Hans John Founder Johntext
Linkedin „serviert“ passende Kontakte zu meinem Profil. So sind über 280 Journalisten darunter. Ebenso Autoren, Firmengründer, Professoren, Verlagsinhaber und Mitarbeiter grosser Verlage weltweit.

Screenshot of Profile Views by profession Hans John Founder Johntext
Besuchen Sie mich. Vernetzen Sie sich mit mir. Dafür ist Linkedin da. Ich bin Hans John, Founder von Johntext auf Linkedin. Geben Sie das Email hansjohn67@yahoo.de an und schon sind wir vernetzt.

 

Und darf es mit Stefan Bommeli von der OneByte GmbH etwas Website-Optimierung sein? Zwei Kurstage und die Webseiten von Johntext im Google-Index sprangen Ende September vom dreistelligen in den vierstelligen Bereich. Aktuell: 2140.

Diese und viele andere Dozenten treffen Sie im Kurs der Schreibszene GmbH. Auch andere Institute bieten Schreibkurse an. Ich nahm an diesem teil und berichte deshalb subjektiv darüber.

Gerne können Sie im Kommentarfeld über Ihre Erfahrungen berichten. Wie bilden Sie sich weiter? Wo sehen Sie Ihre Ziele?

 

2.) Schreibhobby?

Und – haben Sie Ihre beruflichen Etappen in der Weiterbildung gesteckt? Vielleicht darf es noch literarisches Schreiben sein?

Auch hier müssen Sie nicht weit gehen. Die Schreibszene bietet von ersten literarischen Schritten bis zum Romancoaching die ganze  Welt des Schreibens an.

Nun wäre jeder gerne Autor. Die Vorstellung so ganz ohne Chef und frei, vielleicht auf einer Insel in der Südsee als Autor schreibend stationär zu sein hat etwas Verträumtes und ist für einige schon Realität.

Übrigens: Rinaldo Dieziger hat sein erstes Buch geschrieben. Er hat als Texter angefangen.

Frohe Ziele und erfolgreiche Weiterbildung. Ihr Hans-Jürgen John

 

Update 09.04.2016:

Dank allen, die mich unterstützt haben und weiter supporten.

Inzwischen umfasst mein weltweites Netzwerk über 15000 wunderbare Menschen auf Linkedin. Ein Ende ist nicht absehbar.

Hier der Link zu meinem Artikel wie das geht:

http://derarbeitsmarkt.ch/de/meinung/umsonst-vernetzen

 

Für alle Englisch-Fans hier der Link zu meinen Artikeln auf internationaler Ebene:

www.world.johntext.de